„Der Einstieg als Vollzeitunternehmer lief überraschend gut.“

Drei junge Männer stehen vor einer Wand und blicken in die Kamera
v.l.n.r.: Constantin Soffner, Timo Gatta und Deniz Ates
© Who Moves UG (haftungsbeschränkt)

Internationalen IT-Fachkräften den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtern. Darum geht es kurz gesagt bei Who Moves. Die Ausgründung der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist im September 2020 an den Start gegangen. Gegründet wurde das Digital-Start-up von den drei Informatikern Deniz Ates, Constantin Soffner und Timo Gatta. Für das notwendige unternehmerische Handwerkszeug haben das CEDUS – Center for Entrepreneurship Düsseldorf an der Uni Düsseldorf und weitere Player im Start-up Ökosystems Rhein-Ruhr gesorgt. Über den erfolgreichen Weg von Who Moves berichtet Deniz Ates im folgenden Interview.

Herr Ates, Sie bieten eine digitale Plattform an, die Unternehmen und internationale Fachkräfte aus dem IT- sowie mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich zusammenbringt. Wie kann man sich das vorstellen?

Ates: Wir adressieren mit unserer Plattform zwei Zielgruppen: Zum einen internationale Tech- und IT-Fachkräfte, die entweder bereits in Deutschland oder noch in Drittstaaten leben und sich für einen Job in Deutschland interessieren. Wir unterstützen die Job-Bewerberinnen und -Bewerber bei visarechtlichen Themen, bei der Beantragung einer Blue Card, beim Bewerbungsprozess aus dem Ausland usw.

Zum anderen gehören zu unserer Zielgruppe Unternehmen, darunter auch viele mittelständische Unternehmen, die international nicht so bekannt sind. Diese Unternehmen stellen auf unserer Plattform Jobangebote ein. Inzwischen nutzen aber auch sehr große Unternehmen unsere Plattform, weil es beim internationalen Hiring doch sehr viele Fragen gibt, bei denen die Personalabteilungen schlichtweg überfordert sind.

Das heißt, Sie bringen auf Ihrer Plattform nicht nur beide Gruppen zusammen, sondern bieten darüber hinaus noch weitere Services an?

Ates: Ja, wie gesagt, das Thema international Hiring ist ziemlich komplex. Da reicht es nicht, sich einfach nur als Match-Maker zu engagieren. Wir bauen daher gerade eine sogenannte Journey auf. Dabei begleiten wir Job-Bewerberinnen und Bewerber bis zu einem Jahr. Das beginnt bei der Jobsuche in Deutschland über visa-, arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Fragen bis hin zu Deutschkursen und Wohnungsfragen am Arbeitsort. Damit helfen wir den Fachkräften, die nach Deutschland kommen und entlasten gleichzeitig die Unternehmen, die die Fachkräfte einstellen.

Und wie erfahren potenzielle Bewerberinnen und Bewerber von Ihrem Angebot?

Ates: Wir haben bereits in einigen Ländern Partner, wie zum Beispiel die Auslandshandelskammern oder Recruiter- und HR-Agenturen. Die verlinken auf die Jobinserate, die unsere Unternehmenskunden auf unserer Plattform eingestellt haben. Dadurch bekommen wir viele Anfragen. Außerdem stehen wir in Kontakt mit Universitäten in Indien und in der Türkei.

Des Weiteren bieten wir eine Online-Academy an, die wir in den digitalen Medien bewerben, so dass die Bewerberinnen und Bewerber darüber Content zum Arbeiten und Leben in Deutschland erhalten und sich dann auf unserer Plattform als Jobsuchende registrieren können.

Arbeiten Sie auch mit Partnerorganisationen zusammen?

Ates: Ja, dazu gehören Krankenversicherungen und Banken, aber auch Fachanwälte für Arbeitsrecht. Letzteres ist ja gerade für Internationals ein wichtiges Thema: Wenn zum Beispiel ein Angestellter mit einem Job-Visum ein, zwei Monate vor Ablauf der Visafrist die Kündigung erhält, ist sein Aufenthalt in Deutschland gefährdet. In diesem Fall stellen wir dann den Kontakt zu den passenden Anlaufstellen her.

Bei dem Fachkräftemangel stehen die Unternehmen bei Ihnen doch sicher Schlange?

Ates: Seit dem letzten Jahr läuft es tatsächlich sehr gut. Wir erzielen einen sechsstelligen Umsatz und können von den Einnahmen leben. Wir müssen also nicht nebenher jobben und sind auch nicht auf eine Förderung angewiesen. Trotzdem müssen wir noch intensiv an unserem Bekanntheitsgrad arbeiten. Wir sind deshalb gerade dabei, unser Netzwerk zu vergrößern und mehr potentielle Kunden, also Unternehmen, direkt anzusprechen. Dabei werden wir inzwischen auch von den Wirtschaftsförderungen Düsseldorf, Essen und Bochum unterstützt.

Die Unternehmen sind Ihre eigentlichen Kunden, die Ihre Leistungen bezahlen. Richtig?

Ates: Richtig, für die Job-Bewerberinnen und -Bewerber sind unsere Angebote kostenlos. Unsere Plattform wird allein über die Unternehmen getragen, die damit eine komplett neue Bewerbergruppe erreichen können. Das Feedback ist daher sehr gut. Trotzdem hören wir bei Akquisegesprächen immer noch von dem einen oder anderen Mittelständler, dass sein Unternehmen zu klein für eine Fachkraft aus dem Ausland oder einfach zu uninteressant sei. Oder sie befürchten, dass sie eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter ohne Deutschkenntnisse nicht im Team integrieren können.

Interessant. Wie und wo ist die Idee für Ihre Plattform denn entstanden?

Ates: Das war als ich während des Informatikstudiums an der Universität Düsseldorf als Werkstudent bei Volkswagen Infotainment in Bochum gearbeitet habe. Ich war damals in der Softwareabteilung, die komplett international aufgestellt war. Dort haben mir dann die Kolleginnen und Kollegen, die aus dem Ausland nach Deutschland gekommen waren, erzählt, wie kompliziert die Einreise war und wie schwierig es ist, hier heimisch zu werden. Von ähnlichen Erfahrungen hatten Constantin und Timo auch in ihrem Umfeld gehört. Dabei haben wir doch diesen immensen Fachkräftemangel! Wir hatten dann die Idee, eine Plattform zu entwickeln, die den Einstieg für Internationals in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtern sollte.

Nachdem die Idee geboren war und auch klar war, dass Sie sich damit selbständig machen möchten, haben Sie Kontakt zu CEDUS an der Uni Düsseldorf aufgenommen?

Ates: Nicht direkt. Wir wussten zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, dass es an der Uni Düsseldorf eine Gründungsberatung gibt. Wir hatten aber eine Rund-Mail bekommen mit der Info, dass an der Uni ein Ideenwettbewerb durchgeführt wird. Dafür haben wir uns dann angemeldet. Kurz darauf kam dann ein Mitarbeiter von CEDUS auf uns zu, und hat uns über das Unterstützungsangebot informiert.

Worin bestanden denn aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen bei der Gründung?

Ates:  Der Vorteil bei der Gründung war, dass wir alle drei Informatiker sind. Der Nachteil war, dass wir alle drei Informatiker sind. Wir hatten also weder betriebswirtschaftliches Know-how noch unternehmerische Erfahrungen. Wir wussten nicht, wie man einen Businessplan schreibt oder wie man eine sehr komplexe Idee wie die unsere auf den Punkt bringt. Da war es enorm hilfreich, dass wir bei CEDUS das notwendige unternehmerische Handwerkzeug gelernt haben, um einen Businessplan, einen Drei-Jahres-Plan oder auch ein Business Model Canvas auszuarbeiten.

Meist wird den Teams geraten noch eine BWLerin oder einen BWLer an Bord zu holen.

Ates: Das wurde uns auch gesagt und theoretisch ist das natürlich auch besser, wenn die Teammitglieder aus verschiedenen Fachdisziplinen kommen. Wir waren aber der Ansicht, dass wir uns das kaufmännische Wissen selbst aneignen können, zumal man in einem BWL-Studium auch nicht alles lernt, was für die Gründung und Führung eines Unternehmens entscheidend ist. Von daher haben wir gesagt, wir ziehen das jetzt zu dritt durch, und ich übernehme die Aufgabe, mich in die kaufmännischen Themen hineinzufuchsen. Mittlerweile ist mir das auch gelungen. Auch weil ich parallel zwei Jahre bei einem Konzern im General Management gearbeitet habe und dort viel Erfahrungen sammeln konnte.

Ich lerne auch heute immer noch Neues dazu. Es gibt einfach unglaublich viele Informationsangebote - sei es von CEDUS, von den Verbänden oder Branchennetzwerken. Außerdem stehen uns – wie jedem Unternehmen – Rechts- und Steuerberaterinnen und -berater zur Seite.

Sie sagten, bei den betriebswirtschaftlichen Themen hat CEDUS Ihnen sehr geholfen. Gab es noch weitere Punkte, wo Sie sagen würden: „Das war wirklich eine super Unterstützung“?

Ates: Das war vor allem der Zugang zu Förderthemen sowie zum regionalen Start-up Ökosystem. Es gibt ja unglaublich viele Förderangebote. Da verliert man als Gründerin oder Gründer leicht den Überblick. Das Team von CEDUS hat also erst einmal für Orientierung gesorgt und uns an die jeweiligen Ansprechpartner vermittelt. Timo und Constantin haben dann noch während des Studiums das Gründerstipendium NRW bekommen. Ich selbst hatte schon einen Job und war insofern finanziell unabhängig.

Über das Gründungsstipendium NRW haben wir 2020 außerdem Zugang zu dem damals ganz neuen Inkubator-Programm „EWG Business Builder“ bekommen. Die EWG - Essener Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH fördert damit Unternehmensgründungen in Essen. Dadurch hatten wir für die Dauer von sechs Monaten ein eigenes Büro. Hinzu kamen Veranstaltungen zu allen möglichen gründungsrelevanten Themen und darüber hinaus wurde unser komplettes Corporate Design finanziert.

Haben Sie in der Zeit auch mit dem Feedback von potentiellen Kunden gearbeitet?

Ates: Teilweise. Aber als Gründer ist man ja vor allem im ersten Jahr sehr produktverliebt. Da arbeitet man lange im stillen Kämmerchen und denkt, man hat genug Feedback eingeholt. Irgendwann war uns dann klar, dass wir unser Produkt tatsächlich eine Zeit lang am Markt vorbei vorbeientwickelt haben.

Was heißt: Sie haben "am Markt vorbeientwickelt“?

Ates: Unsere ursprüngliche Idee war, dass wir internationalen Fachkräften Informationen rund um das Leben und Arbeiten in Deutschland anbieten möchten. Bis wir dann gemerkt haben, dass es für die Bewerberinnen und Bewerber viel wichtiger ist, erst einmal ein konkretes Jobangebot in Händen zu halten. Egal, wie viel Hilfestellung wir geben, ohne einen Job ist der Weg nach Deutschland eigentlich nicht möglich. Irgendwann war daher klar, dass es nicht ohne Stellenangebote von Unternehmen geht. Wir sind dann auf viele Unternehmen zugegangen und wurden dabei auch von den Wirtschafsförderungen Düsseldorf und Essen mit Kontakten unterstützt.

Wir hatten allerdings unterschätzt, wie schwierig es zum Teil war, das Interesse bei den Betrieben für unsere Idee zu wecken. Einige Gründe hatte ich ja schon genannt. Wir haben dann Workshops, intensive Gespräche usw. angeboten, um die Unternehmen von unserer Idee zu überzeugen. Aber bei einigen fehlte es einfach an der Offenheit für unsere Idee. Wir haben also viel Zeit investiert, ohne dass am Ende dabei etwas herausgekommen ist. Daraus haben wir gelernt und gehen jetzt anders vor.

Und wie?

Ates: Bevor wir ein Unternehmen kontaktieren, schauen wir uns zum Beispiel dessen Stellenanzeigen an. Wir erkundigen uns über unsere Netzwerke, wie international das Unternehmen aufgestellt ist. Das zeigt uns, wie offen es für Fachkräfte aus dem Ausland ist. Und daran setzen wir an.

Gab es auch etwas, dass wider Erwarten richtig gut lief?

Ates: Der Einstieg als Vollzeitunternehmer in diesem Jahr lief überraschend gut. Bevor man seinen gut bezahlten Job aufgibt, hat man ja immer die Sorge, dass das Start-up vielleicht doch den Bach runtergeht und man sich wieder einen neuen Job suchen muss. Aber seitdem wir alle Vollzeit in unserem Unternehmen arbeiten, läuft es noch viel, viel besser. Früher waren wir angestellt und konnten uns nur abends oder am Wochenende damit beschäftigen. Jetzt identifizieren wir uns ganz anders mit unserer Idee. Man ist einfach besser im Thema drin, hat viel mehr Ideen und kann die Dinge viel schneller umsetzen. Das ist ein wirklicher Gewinn. Wir bereuen fast schon, dass wir den Schritt nicht früher gegangen sind, zumal wir so gut wie keine finanziellen Einbußen haben und uns viel intensiver mit unserer Idee und dem Aufbau unseres Unternehmens beschäftigen können.

Welche Schritte sind bei Who Moves für die nähere Zukunft geplant?

Ates: Aktuell liegt unser Fokus auf der Chancenkarte, die von der Bundesregierung gerade eingeführt wurde. Wir möchten dazu unsere Plattform weiterentwickeln, so dass sich Ausländerbehörden, Unternehmen und Fachkräfte dort austauschen können. Das Ganze würde dann von uns moderiert. Entwicklungsseitig ist das natürlich ein großes Thema. Außerdem möchten wir den Bewerberkreis erweitern und auch tech-nahe Berufe, wie z.B. Chemieingenieure, Projektmanager und Talente aus dem Business Development Bereich berücksichtigen. Und nicht zuletzt möchten wir bis Ende des Jahres vier Vollzeitmitarbeiterinnen und -mitarbeiter einstellen.

Weitere Informationen:

Who Moves UG (haftungsbeschränkt)

Stand: Juli 2023

 

Die Initiative Exzellenz Start-up Center.NRW fördert das Projekt HHU Gründungsförderung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.