Das Gründungsteam von AllCup: Lara Wagemann, Martin Nauen und Sarah Theresa Schulte
© REACH EUREGIO START-UP CENTER

„Das Gründerstipendium NRW war eine gute Ausgangsbasis, um unseren Lebensunterhalt für 8 Monate zu finanzieren.“

In Deutschland werden stündlich rund 320.000 Einweg-Becher für Heißgetränke verbraucht, heißt es beim Bundesumweltministerium. Höchste Zeit also, etwas dagegen zu tun, dachten sich Sarah Theresa Schulte, Lara Wagemann und Martin Nauen. Ihre Lösung: ein ess- und kompostierbarer Trinkbecher. Bei ihrem Markteintritt werden sie vom REACH EUREGIO START-UP CENTER und der FH Münster unterstützt. Das Gründungszentrum REACH ist an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster angesiedelt und kooperiert sowohl mit der FH Münster als auch mit der Universität Twente und dem Digital Hub münsterLAND.

Frau Schulte, gibt es zukünftig nach dem Kaffee den dazugehörigen Becher zum Dessert?
Schulte: Das ist durchaus möglich, denn unser AllCup besteht aus einer herkömmlichen Eiswaffel, die mit einer von uns entwickelten essbaren Beschichtung überzogen wird. Es handelt sich um eine Art Sperrschicht, die verhindert, dass sich der Becher durch die heiße Flüssigkeit auflöst. Diese Beschichtung kommt im Vergleich zu bisherigen Einwegbechern aber ohne Mikroplastik und Chemikalien aus. Man kann unseren Becher also essen oder wegwerfen, wobei er sich dann einfach zersetzt, ohne Schadstoffe zu hinterlassen.

Wie ist das Ganze entstanden?
Schulte: Beim Kaffeetrinken natürlich! Lara und mir ist an der Uni irgendwann aufgefallen, dass wir immer einen Einwegbecher benutzen mussten, wenn wir Kaffee trinken wollten. Das fanden wir beide nicht besonders nachhaltig, zumal man beim Trinken aus den Bechern auch jedes Mal Chemikalien mit aufnimmt. Also haben wir unsere eigenen Trinkgefäße mitgebracht, aber irgendwie war das keine wirkliche Alternative: zu kompliziert, zu zerbrechlich und sie müssen saubergemacht werden.

Schließlich haben wir angefangen, einen essbaren Kaffeebecher zu entwickeln. Aber nicht im Labor, sondern in unserer WG-Küche nach der Trial-and-Error-Methode. Wir haben natürlich sehr viel gelesen und recherchiert und uns Unterstützung geholt von Laras Bäckerfamilie und später den Lebensmitteltechnologen Guido Ritter und Albrecht Fleischer. Der Anfang war also gemacht.

Aber man probiert doch nicht einfach in der Küche aus, was es für Beschichtungen für Kaffeebecher gibt. Was war der Hintergedanke dabei?
Schulte: Lara und ich hatten schon vor drei oder vier Jahren überlegt, uns selbstständig zu machen. Unser Ziel war es, damit wirklich etwas nachhaltig zum Positiven zu verändern. Wir haben daher immer wieder überlegt, welche Idee geeignet sein könnte und haben aktiv nach Problemen gesucht, um sie zu lösen. Bei den Kaffeebechern hat es schließlich „klick“ gemacht.

Nachdem wir dann eine ganze Weile daran gearbeitet hatten, war irgendwann klar, dass wir noch jemanden brauchten, der das ganze professionell zur Marktreife weiterentwickelt. Lara und ich haben beide unseren Bachelor in Interkultureller Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Hamm-Lippstadt gemacht. Wir brauchten also noch jemanden, der sich mit dem Thema Beschichtung in der Lebensmittelindustrie auskennt.

Und wie kam dann der Kontakt zur FH Münster zustande?
Schulte: Wir haben nach Unis mit dem Schwerpunkt Lebensmitteltechnologie gesucht und sind bei der FH hier in Münster fündig geworden. Dort haben wir dann Professor Guido Ritter und Albrecht Fleischer aus dem Fachbereich Oecotrophologie kennengelernt, die uns beide sehr unterstützt haben. Über sie haben wir dann auch Martin Nauen kennengelernt, der an der FH Münster Oecotrophologie studiert und schon bei sehr vielen Produktentwicklungen mitgewirkt hat. Martin ist jetzt seit einem halben Jahr bei uns als Mitgründer im Team und hat einen wesentlichen Anteil an der Produktentwicklung.

In Münster haben Sie auch das Gründerstipendium NRW beantragt.
Schulte: Das war auf jeden Fall eine megagroße Hilfe und hat unseren Lebensunterhalt für acht Monate gesichert, so dass wir uns auf unsere Produktentwicklung und Gründung konzentrieren konnten. Beim Thema Anschlussfinanzierung haben wir uns dann für EXIST-Gründerstipendium entschieden, das wir mit Unterstützung des Gründungszentrums REACH im Frühjahr 2021 erfolgreich beantragt haben. Damit haben wir ab Juli für die kommenden 12 Monate einen wesentlich größeren finanziellen Spielraum, weil wir damit auch in weitere Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sowie notwendiges Equipment investieren können.

Das REACH EUREGIO Start-up Center ist ein Gemeinschaftsprojekt der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der FH Münster und der University of Twente, das im Rahmen der Landesinitiative Exzellenz Start-up Center.NRW gefördert wird. Dort wurden Sie auch von speziellen Startup Coaches betreut. Wie war die Betreuung?
Schulte: Da hatten wir extremen Support. Die Coaches Mike Arnold und Friedrich Grimm haben uns wirklich mega unterstützt. Wir haben uns etwas einmal die Woche getroffen und zum Beispiel über strategische Fragen der Unternehmensentwicklung gesprochen, außerdem haben wir mit deren Hilfe an unserem EXIST-Antrag gefeilt und darüber hinaus erste Kontakte zu Investorinnen und Investoren erhalten. Und wir haben an Workshops teilgenommen, wo wir uns über Finanzierungshilfen, Marketing und weitere Gründungsthemen informieren konnten – also, das war schon sehr hilfreich.

Wie sehen die nächsten Schritte für Sie aus?
Schulte: Die Produktentwicklung ist auf jeden Fall ein Kernpunkt. Im Herbst bzw. Winter planen wir das erste Pilotprojekt. Das müssen wir vorbereiten. Und dann steht davor natürlich noch die Patentanmeldung an. Das sind so die nächsten großen Schritte.

Und wie sieht die weitere Betreuung durch die FH Münster aus?
Schulte: Wir arbeiten weiter eng mit der FH Münster zusammen. Martin kann zum Beispiel nach wie vor die Laborkapazitäten nutzen. Außerdem stehen wir im engen Kontakt mit unserem Mentor Professor Guido Ritter und werden weiterhin von unserem Start-up-Coach vom REACH betreut.

Es ist für jedes Start-up eine große Herausforderung, geeignete Kunden zu finden. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Schulte: Nach dem jetzigen Geschäftsmodell peilen wir Kunden an, die mindestens 200.000 Einwegbecher pro Jahr einsetzen. Dazu gehören zum Beispiel größere Behörden mit Kantinen oder auch Unternehmen wie Bäckereiketten, die Coffee-to-Go vertreiben. Tatsächlich ist die Kundenakquise für uns aber bisher nicht so ein großes Problem, weil wir im Anschluss an Auftritte im WDR-Fernsehen und nach Hörfunksendungen bereits von Interessenten angeschrieben wurden.

Und wie sieht es aus mit dem Thema Team-Building?
Schulte: Das war gar nicht so einfach und hat tatsächlich ein paar Monate gedauert. Wir brauchten ja noch eine Person, die sich mit Lebensmitteltechnologie auskennt. Aber es musste eben auch jemand sein, der oder die sich speziell mit unserem geplanten Produkt auskennt und außerdem eine Gründungspersönlichkeit hat. Wir hatten erst eine Kandidatin, der es aber genau an dieser Gründerpersönlichkeit fehlte. Das hat dann einfach nicht so gut gepasst, aber mit Martin sind wir richtig happy. Bei ihm war die Expertise aufgrund der vielen Projekte, die er zuvor betreut hatte, vorhanden. Und nachdem wir dann ein paar Monate zusammengearbeitet hatten, war klar, dass auch die Chemie stimmt, dass er über eine gewisse Risikoaffinität verfügt und Lust hat, seine Zeit zu investieren.

Das heißt auch, die Aufgaben im Team sind inzwischen klar verteilt?
Schulte: Ja, Martin ist komplett für den Bereich Forschung und Entwicklung zuständig. Lara betreut den Bereich Finance und Sales. Und ich bin für Marketing und Human Resources zuständig. Strategische Fragen besprechen wir natürlich gemeinsam im Team. Darüber hinaus werden wir aber trotzdem an einer Team-Building-Maßnahme beim REACH teilnehmen, was ganz cool ist. Und im Rahmen von EXIST gibt es ebenfalls einen Workshop dazu.

Damit sind wir auch schon bei der letzten Frage: Haben Sie noch den einen oder anderen Tipp für andere Gründerinnen und Gründer parat?
Schulte: Ja, klar. Beim Thema Patentierung muss man zum Beispiel einfach wissen, dass man nicht zu viel von seinem Produkt preisgeben darf. Da sollte man Dritten gegenüber mit Geheimhaltungserklärungen arbeiten. Es reicht schon, wenn die der Geheimhaltung unterliegenden Informationen über das Produkt zum Beispiel auf Instagram von irgendjemanden preisgegeben werden. Dann ist es nicht mehr patentierbar.

Ganz wichtig ist außerdem, sich möglichst schnell ein breites Netzwerk aufzubauen und frühzeitig und immer wieder Feedback zu seiner Idee einzuholen. Das bringt einen wirklich weiter und zeigt, ob das Produkt auch tatsächlich auf einen Markt trifft.

Stand: Juni 2021

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