„Unser Eindruck war, dass wir bei FemaleFounders@CET alle Informationen bekommen, die wir für eine Gründungsvorbereitung brauchen.“

Drei junge Frauen und ein junger Mann blicken in die Kamera.
Ronja Weidemann, Jan Seemann, Fabienne Ryll und Abirtha Suthakar
© Richard Alfsmann

Für ihre Idee, Phosphat aus Abwässern aufzubereiten, erhalten Ronja Weidemann, Fabienne Ryll, Abirtha Suthakar und Jan Seemann jede Menge positives Feedback. Das vierköpfige Gründungsteam mit dem Namen PhosFad kommt von der Technischen Universität Dortmund und wird dort vom Centrum für Entrepreneurship & Transfer (CET) betreut. Aktuell nehmen die drei weiblichen Mitglieder des Gründungsteams am „FemaleFounders@CET“ teil. Das Programm wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördert und kommt bei den Gründerinnen mehr als gut an.

Frau Ryll, Sie arbeiten gemeinsam an einem Recyclingverfahren, um zukünftig Phosphat aus Abwasser wiederaufzubereiten. Was steckt dahinter?

Ryll: Dazu muss man zunächst wissen, dass der Bedarf an Phosphat weltweit sehr hoch ist. Ohne Phosphatdünger würde die Nahrungsmittelproduktion nicht funktionieren. 90 Prozent des abgebauten Phosphats geht daher in die Düngemittelindustrie. Das Problem ist nur: Phosphat ist eine zunehmend knappe Ressource. Die Erzvorkommen, aus denen es gewonnen wird, gehen langsam zur Neige. Hinzu kommt, dass Phosphat zu 100 Prozent importiert werden muss, da es in Europa keine Primärquellen gibt. Um also unabhängiger von Importen und drohenden Engpässen zu werden, ist man in der EU sehr daran interessiert, nach Alternativen Ausschau zu halten. Und dazu gehören Recyclingverfahren aus Sekundärquellen.

Suthakar: Wir arbeiten daher an einem biotechnologischen Verfahren, das durchaus mit ähnlichen Prozessen, die derzeit in der Entwicklung sind, vergleichbar ist. Unser Verfahren kommt dabei aber ohne die üblicherweise hohen Temperaturen und starken Säuren aus. Grundlage dafür ist ein Bakterium, das ganz bestimmte Eigenschaften besitzt, die wir uns zunutze machen. Wir gehen davon aus, dass unser Verfahren dann zukünftig vor allem in Kläranlagen eingesetzt werden kann, da Abwässer einen hohen Phosphatgehalt aufweisen. Unser Ziel ist es, das Phosphat so nachhaltig wie möglich aufzubereiten und anschließend von der Düngemittelindustrie wiederverwendet werden kann.

Und andere Recyclingverfahren für Phosphat gibt es bisher nicht?

Weidemann: Nein, in der praktischen betrieblichen Anwendung gibt es noch keine, die die gesetzlichen Vorgaben vollständig erfüllen, oder wenn doch, dann mit einem geringen Wirkungsgrad. Viele weitere Ideen sind in der Pipeline, sie sind aber noch nicht für den dauerhaften Betrieb getestet. Bei den meisten handelt es sich um Pilotanlagen, die sich im Technology Readiness Level sechs oder sieben von insgesamt neun Leveln bewegen. Die sind also noch nicht fertig. Nur: Laut Klärschlammverordnung von 2017 müssen die Kläranlagenbetreiber seit 2023 anhand von Konzepten deutlich machen, wie sie zukünftig das Phosphat in ihrem Abwasser recyclen werden. Ab 2029 muss das dann technisch umgesetzt werden. Der Handlungsdruck für die Unternehmen ist also hoch. Entsprechend groß ist auch das Interesse an geeigneten Verfahren.

In welchem Kontext ist Ihre Idee für ein Recyclingverfahren entstanden?

Ryll: Wir studieren alle an der Fakultät für Bio- und Chemieingenieurwesen an der TU Dortmund und haben uns während des Masterstudiums im Rahmen des chemPLANT-Wettbewerbs kennengelernt. Veranstalter ist der VDI – Verein Deutscher Ingenieure. Mein damaliger Kommilitone und jetziger Co-Gründer Jan Seemann hat mich damals gefragt, ob ich nicht Lust hätte, bei dem Wettbewerb mitzumachen. Ich habe dann noch Ronja und Abirtha an Bord geholt und dann ging es los: Die Aufgabe lautete, ein Konzept für das Phosphorrecycling aus Sekundärquellen zur Herstellung von Phosphatdünger zu entwickeln. Mit dem von uns entworfenen Konzept sind wir dann tatsächlich ins Finale gekommen und haben am Ende den zweiten Platz gemacht. Das war im September 2022.

Und wie kam es dann zu dem Entschluss, ein Start-up zu gründen?

Suthakar: Wir haben bei dem Wettbewerb ein unglaublich positives Feedback erhalten, vor allem von den Industrie- und Hochschulvertreterinnen und -vertretern der Fachjury. Über die damalige Studienkoordinatorin unserer Fakultät Kirsten Lindner-Schwentick wurde dann der Kontakt mit dem Centrum für Entrepreneurship & Transfer (CET) hergestellt. Dort wurde uns geraten, unsere Idee auf jeden Fall weiterzuentwickeln und über eine eventuelle Unternehmensgründung nachzudenken. Das hat uns natürlich sehr motiviert, so dass wir im Juni 2023 an der „From Lab to Market Challenge“ von chemstars.nrw teilgenommen und erneut den zweiten Platz erzielt haben.

Weidemann: Hinzu kam, dass uns durch die Gespräche mit dem CET zunehmend bewusstwurde, dass wir tatsächlich an einer vielversprechenden Gründungsidee arbeiten. Also dachten wir: Wenn wir uns damit selbstständig machen können und es Fördermöglichkeiten gibt, um die Idee zur Marktreife zu entwickeln, können wir es ja versuchen.

Aktuell nehmen Sie an dem 10-monatigen Programm FemaleFounders@CET teil. Warum hatten Sie sich dafür beworben?

Ryll: Wir kommen alle aus der Verfahrenstechnik und hatten daher bisher nur im kleinen Rahmen weder mit betriebswirtschaftlichen Fragen zu tun, noch mit Fragen des unternehmerischen Know-hows. Unser Eindruck war, dass wir bei FemaleFounders@CETalle Informationen bekommen würden, die wir für eine Gründungsvorbereitung brauchen: Schritt für Schritt in strukturierter Form. Spannend fanden wir auch den Zugang zu dem vielfältigen Netzwerk. Insgesamt kann ich sagen, dass sich unsere Erwartungen bisher voll erfüllt haben.

FemaleFounders@CET richtet sich ausschließlich an Gründerinnen. Hat das für Sie eine Rolle gespielt?

Weidemann: Vielleicht unterschwellig, aber eigentlich war das für uns nicht ausschlaggebend. Natürlich fällt es auf, dass es in der Start-up-Szene nicht so viele Gründerinnen gibt. Das wird auch in den Workshops deutlich, die zum Beispiel das CET anbietet. Die Teilnehmer sind überwiegend männlich. Aber das hält uns nicht davon ab, diese Veranstaltungen zu besuchen. Der eigentliche Grund, warum wir uns für FemaleFounders@CET entschieden hatten, war also weniger, dass es sich ausschließlich an Frauen richtet, sondern, dass das Programm einfach sehr attraktiv ist. Wir werden zum Beispiel von gründungserfahrenen Mentorinnen aus dem naturwissenschaftlichen Bereich über einen längeren Zeitraum begleitet. Ich glaube, so ein Angebot gibt es sonst nicht so häufig.

Suthakar: Ich stimme dem zu. Wir hatten uns bei FemaleFounders@CET beworben, weil es in puncto Gründungsvorbereitung das Sahnehäubchen ist und nicht, weil es ein Programm für Frauen ist. Aber natürlich ist es nichtsdestotrotz gut, dass es sich auch um ein Programm handelt, das nicht so männerdominiert ist.

Werden Sie darüber hinaus durch das CET unterstützt?

Suthakar: Wie Ronja vorhin schon sagte, bietet das CET verschiedene Workshops an, an denen wir teilnehmen. Außerdem haben wir feste Ansprechpersonen beim CET. Die können wir jederzeit kontaktieren, wenn wir nicht weiterkommen. Das hilft uns sehr.

Was war denn bisher besonders hilfreich bei Ihren Gründungsvorbereitungen?

Weidemann: Das war auf jeden Fall der Input unserer Mentorinnen, die im selben Tech-Bereich wie wir unterwegs sind, deren Verfahren durch Patente geschützt sind und die uns an ihren Erfahrungen teilhaben lassen. Einen großen Schritt weitergebracht haben uns auch die Netzwerkveranstaltungen, die Get Togethers, die einmal im Monat im Rahmen von FemaleFounders@CET stattfinden. Wir haben dort total inspirierende Frauen kennengelernt, die wir sonst nie getroffen hätten. Das pusht einen total.

Gab es auch besondere Herausforderungen, die Ihnen etwas Kopfzerbrechen bereitet haben?

Ryll: Ja, klar. Die gab es auch.Nachdem wir zum Beispiel bei chemPLANT so gut abgeschnitten hatten und uns gesagt wurde, ihr seid da an was dran, macht auf jeden Fall weiter, haben wir uns gefragt, wie denn die nächsten Schritte aussehen könnten. Wie genau sollten wir weitermachen? Das war ein echtes Problem. Unsere Idee beruhte ja noch auf rein theoretischen Überlegungen. Da konnte man auch nicht einfach in eine Garage gehen und etwas zusammenbasteln. Wir brauchten also gewisse Ressourcen, eine Infrastruktur, ein Labor und so weiter, um zunächst eine Machbarkeitsstudie durchzuführen, damit wir feststellen konnten, ob das Verfahren tatsächlich so funktioniert, wie wir uns das vorstellen. Und da hatten wir das große Glück, dass im Nachgang zur „From Lab to Market Challenge“ Professor Stephan Lütz vom Lehrstuhl für Bioprozesstechnik der TU Dortmund auf uns aufmerksam wurde und uns die Nutzung seines Labors für die Dauer eines Jahres angeboten hat. On Top bekam Ronja eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Gleichzeitig fing das FemaleFounders@CET-Programm an. Wir können uns also jetzt auf unsere Gründung vorbereiten und gleichzeitig eine Machbarkeitsstudie durchführen. Das ist ideal.

Suthakar: Ergänzen sollte man aber auch, dass wirvon Anfang an sehr durch das CET unterstützt wurden. Unser Ansprechpartner hat uns ganz klar den Weg gewiesen und uns empfohlen, an Wettbewerben teilzunehmen, um in die Welt der Start-ups einzutreten. „Ihr seid da richtig!“ Das war immer sein Satz, der uns motiviert hat. Da gab und gibt es immer noch viele gute Gespräche.

Wie sehen denn die nächsten Schritte aus?

Weidemann: Da wir uns auf die Sekundärquelle Abwasser konzentrieren, haben wir unsere Fühler ausgestreckt und Kläranlagenbetreiber kontaktiert. Demnächst werden wir uns die ersten Anlagen ansehen, um den notwendigen Input für unsere verfahrenstechnische Auslegung zu bekommen. Bis Ende 2024 wollen wir die Machbarkeitsstudie abgeschlossen haben, um mit der verfahrenstechnischen Umsetzung zu beginnen. Und dann müssen wir sehen, wie es weitergeht. Bis zum Markteintritt wird es vermutlich noch zwei, drei Jahre dauern.

Parallel nehmen wir an weiteren Wettbewerben teil, um zusätzliches Feedback einzuholen. Damit wollen wir auch finanzielle Rücklagen aufbauen, um beispielsweise die Kosten für eine Markenanmeldung tragen zu können. Zum Beispiel konnten wir unsere Erfolgsserie im April weiter fortsetzen und haben es beim Award Forum Junge Spitzenforschung, gefördert von der Stiftung Industrieforschung, mit dem zweiten Platz erneut aufs Siegertreppchen geschafft. Solche Momente bestärken uns in dem Gefühl, das Richtige zu tun.

Sie stehen mit Ihren Gründungsvorbereitungen noch ziemlich am Anfang. Haben Sie trotzdem ein paar Tipps parat?

Suthakar: Was wir auf jeden Fall empfehlen können, ist: Wenn man eine coole Idee hat, um ein Problem zu lösen: go for it! Es gibt so viele Herausforderungen, gerade in Bezug auf Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit, Klima – es gibt genug zu tun.

Außerdem sollte man jede Unterstützung, die es für Gründungsteams gibt, wahrnehmen – das ist ganz wichtig. Und was uns Frauen betrifft: Wir haben so viele tolle Frauen kennengelernt, die super Ideen haben, super kompetent und motiviert sind. Da braucht sich keine zu verstecken.

 Weitere Informationen:

Technische Universität Dortmund

Fakultät für Bio- und Chemieingenieurwesen

Stand: Mai 2024

Start-up Center.NRW fördert das Centrum für Entrepreneurship & Transfer (CET) an der TU Dortmund.