„Wir mussten uns darüber bewusst werden, dass wir nicht nur als Wissenschaftler in unserem Labor forschen, sondern auch als Unternehmer an einer Lösung arbeiten, die auf dem Markt gebraucht wird.“

Das Team von Midel Photonics (v.l.n.r): Dr. Christian Wahl, Dr. David Dung, Dr. Christopher Grossert und Frederik Wolf
© Timo Heepenstrick

Von der Grundlagenforschung zum eigenen Unternehmen: Dieses Ziel hat das Team des Gründungsprojekts Midel Photonics so gut wie erreicht. Mit ihrem innovativen Verfahren wollen die vier Physiker Dr. Christian Wahl, Dr. David Dung, Dr. Christopher Grossert und Frederik Wolf den industriellen Einsatz von Laserstrahlen optimieren. Bei ihren Gründungsvorbereitungen werden sie vom Transfer Center enaCom der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn tatkräftig unterstützt.

Herr Dr. Dung, Sie und Ihre Kollegen haben ein Verfahren entwickelt, um Metall, Kunststoff und andere Materialien mit geformten Laserstrahlen zu bearbeiten. Können Sie einem Laien erklären, um was es dabei geht?
Dr. Dung:
Sehr gern. Dazu muss man erst einmal wissen, dass immer mehr Produkte, die wir tagtäglich benutzen, mit Lasern hergestellt werden. Zwei prominente Beispiele sind das Auto, insbesondere das Elektroauto, und das Smartphone. Die Komponenten für diese Produkte, seien es Elektromotoren und Akkus oder Displays und Mikrochips, werden heute zunehmend mit Lasern geschnitten, geschweißt oder markiert. Dabei stoßen die verwendeten Laserstrahlen immer mehr an Grenzen. Laser haben von Haus aus eine runde Strahlform und die ist für viele Prozesse nicht optimal. Das kann man mit einem Küchenmesser vergleichen, das ja bekanntermaßen nur mit einer scharfen und geraden Kante wirklich gut schneidet. Und so ist das auch bei der Anwendung von Lasern in der Industrie. Wenn man zum Beispiel Metall schneiden möchte, ist es viel besser, anstatt eines runden Laserstrahls einen eckigen mit einer scharfen Kante einzusetzen.

Und dafür sorgen Sie?
Dr. Dung:
Ja, wir haben dafür eine ganz neue Technologie zur Herstellung sogenannter strahlformender Elemente entwickelt. Das sind spezielle Spiegel, mit denen sich die Form des Lasers verändern lässt. Das Besondere ist, dass wir diese strahlenformenden Elemente nicht nur qualitativ hochwertig, sondern auch schnell anfertigen können. Das ist von großem Vorteil, denn in unserer hoch volatilen Welt müssen innovative Ideen so schnell wie möglich realisiert werden. Genau dabei möchten wir unsere Kundinnen und Kunden mit unserer Technologie unterstützen: agil die besten Lösungen zu entwickeln.

Das Ganze ist an der Universität Bonn entstanden. In welchem Kontext?
Dr. Dung:
Die Methode kommt aus der Grundlagenforschung und ist damals im Rahmen meiner Promotion in der Forschungsgruppe von Professor Martin Weitz am Institut für Angewandte Physik entstanden. Eigentlich ging es damals um grundlegende Fragen der Quantenforschung. Dafür benötigten wir eine neue Methode, um hochreflektive Spiegel zu strukturieren, das heißt nach speziellen Mustern – in etwa wie Berge und Täler – auf der Spiegeloberfläche zu erzeugen. Die von uns entwickelte Technologie war dann so erfolgreich, dass wir uns gefragt haben, ob es dafür nicht auch eine industrielle Anwendung gibt. Und so sind wir dann recht schnell darauf gekommen, dass sich unsere Technologie auch bei der Formung von Laserstrahlen einsetzen lässt.

Sie sind zu viert. Wer sind Ihre Mitstreiter?
Dr. Dung:
Wir kommen alle vier aus der Physik. Da ist einmal mein Kollege, Dr. Christian Wahl. Christian hat sich in seiner Promotion mit Lasern beschäftigt und kommt ebenfalls hier vom Institut für Angewandte Physik. Er übernimmt in unserem Unternehmen die technische Leitung. Dann mein Kollege Dr. Christopher Grossert. Er ist ebenso Laser-Physiker und war fünf Jahre lang als Berater in der Wirtschaft tätig. Christopher hatte dort sehr viel mit Kunden zu tun, hat Marketing und Produktentwicklung betrieben, so dass er bei uns den Part des Produkt-Designs übernimmt. Neben mir ist dann noch Frederik Wolf der Vierte im Bunde. Er hat vor seinem Physikstudium bei einer großen Bank dual Betriebswirtschaft studiert. Zusammen mit seiner betriebswirtschaftlichen Expertise sind wir gut aufgestellt. Das Team hat super zusammengefunden und es macht wahnsinnigen Spaß, zusammenzuarbeiten.

Trotzdem ist es sicher nicht so ganz einfach, aus der Forschung den Sprung ins Unternehmertum zu wagen, oder?
Dr. Dung:
Das ist absolut richtig. Das ist ein Prozess, den wir vor zwei Jahren begonnen haben. Damals ist uns klar geworden, dass wir eine Anwendung sehen, die für die Industrie interessant sein könnte. Nun ist es allerdings von der Grundlagenforschung bis zur industriellen Anwendung oft ein langer Weg. Insofern haben wir uns zunächst einmal gefragt, wie wir diesen Zeitraum am besten finanzieren können. Das war dann der Punkt, wo die Uni Bonn mit dem Transfer-Center enaCom ins Spiel kam. Als Vollblut-Wissenschaftler mussten wir uns ja erst einmal mit den ganzen unternehmerischen und finanziellen Aspekten vertraut machen. Und dabei hat uns enaCom sehr unterstützt und uns Möglichkeiten aufgezeigt, wie wir das Ganze auch finanzieren können.

Vor welchen besonderen Herausforderungen standen Sie denn insgesamt bei Ihren Gründungsvorbereitungen?
Dr. Dung:
Ich denke, die größte erste Hürde war, uns darüber bewusst zu werden, dass wir nicht nur als Wissenschaftler in unserem Labor forschen, sondern auch als Unternehmer an einer Lösung arbeiten, die auf dem Markt gebraucht wird. Das ist ein kontinuierlicher Lernprozess. Insofern war es ganz wichtig, diesen Schalter im Kopf umzulegen und rauszugehen, um mit potenziellen Kundinnen und Kunden über unsere Idee zu sprechen. Das war der erste große Schritt, zu dem uns das Transfer-Center der Uni Bonn angeregt hat.

Sie sagen, es war ein Lernprozess, das notwendige unternehmerische Bewusstsein zu entwickeln. Wurden Sie dabei auch gecoacht?
Dr. Dung:
Im universitären Umfeld gibt es viele Angebote. Wir haben zum Beispiel am Accelerator HIGH-TECH.NRW teilgenommen. Das ist ein tolles Programm, das Start-up-Gründerinnen und Gründer mit Hilfe eines umfangreichen Mentoren-Netzwerks darin schult, unternehmerisch weiterzukommen. Und das vertiefen wir jetzt natürlich auch mit den Start-up-Coaches an der Uni Bonn, indem wir immer wieder unsere Ideen vorstellen und jeweils neuen Input bekommen. Ich glaube, wir sind da schon auf einem sehr guten Weg. Jedenfalls bekommen wir sehr positives Feedback.

Sie erhalten seit April 2021 EXIST-Forschungstransfer. Hat sich die Pandemie auf den Bewerbungsprozess ausgewirkt?
Dr. Dung:
Die Finalrunde sah eigentlich vor, dass man vor einer Expertenjury live in Berlin einen zehnminütigen Pitch hält, der dann über den Förderzuschlag entscheidet. Dieses Format wurde allerdings Corona-bedingt kurzfristig abgesagt. Stattdessen sollten wir innerhalb von nur anderthalb Wochen ein Video einreichen. Aber auch hier hat uns das Transfer-Center enaCom sehr gut beraten und uns extrem unkompliziert und schnell die Produktion eines Videos ermöglicht, das dann am Ende auch glücklicherweise die Jury überzeugt hat.

Die Hürde ist also genommen. Und wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?
Dr. Dung:
Wir werden den industriellen Prototyp fertigstellen und mit Partnern testen. Anschließend steht die Pilotierung mit ersten Kunden an. Außerdem werden wir unseren Businessplan fertigstellen, damit wir für die Anschlussfinanzierung gut aufgestellt sind. Und nicht zuletzt werden wir im nächsten Jahr unser Start-up Midel Photonics gründen.

Auch wenn Sie noch nicht gegründet haben, gibt es etwas, das Sie anderen Gründerinnen und Gründern empfehlen können?
Dr. Dung:
Ich glaube, am wichtigsten ist es, rauszugehen und seine Komfortzone zu verlassen. Wenn man gründen möchte, muss man sein rein wissenschaftliches Umfeld so früh es geht verlassen und überlegen, wer das Produkt später einmal benutzen soll. Dann sollte man die Ansprechpartner identifizieren und kontaktieren. Klar, das ist ein Sprung ins kalte Wasser, aber uns hat das unglaublich geholfen. Es verhindert einfach, dass man sein Produkt völlig am Markt vorbeientwickelt.

 Stand: November 2021