Das Gründungsteam von Pixel Photonics UG (v.l.n.r.): Christoph Seidenstücker, Fabian Beutel, Nicolai Walter, Martin Wolff und Dr. Wladick Hartmann. Foto: ESC/REACH Münster / Thomas Mohn

„Das Team von REACH stand uns immer wieder als Sparringspartner zur Seite.“

Es geht um Quantencomputing, IT-Sicherheit und einen vielversprechenden internationalen Markt. Das Gründungsteam der Pixel Photonics UG hat Großes vor. Im Herbst 2021 haben die Wissenschaftler der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mit Unterstützung von REACH EUREGIO START-UP CENTER ihr Unternehmen gegründet. Wir haben mit dem Co-Gründer Christoph Seidenstücker über die Gründungsunterstützung an der Uni Münster und über seine bisherigen unternehmerischen Erfahrungen gesprochen.

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Herr Seidenstücker, Sie haben gemeinsam mit sechs Kollegen von der Universität Münster die Pixel Photonics UG gegründet und sind damit im Bereich Quantencomputing und IT-Sicherheit unterwegs. Können Sie einem Physik-Laien erklären, um was es dabei geht?
Seidenstücker: Einfach gesagt, arbeitet man in optischen Quantentechnologien mit einzelnen Lichtteilchen – also der kleinsten unteilbaren Menge an Licht. Diese Lichtteilchen haben ganz besondere Eigenschaften, die für neue technische Anwendungen sehr interessant sein können. Ein Beispiel: Bei den herkömmlichen Halbleitern, die in Computern eingesetzt werden, kann man nur zwischen dem Zustand 0 oder 1 wählen. Beim Quantencomputing können dagegen, vereinfacht ausgedrückt, beide Zustände gleichzeitig eingenommen werden. Dadurch entsteht eine wesentlich höhere Rechenleistung.

Allerdings muss man einschränkend sagen, dass es sich hier noch um Zukunftsmusik handelt. Ich denke, es wird noch etwa zehn Jahre dauern, bis es wirklich einen stabil funktionierenden Quantencomputer geben wird. Nicht zuletzt deshalben beschäftigen wir uns bei Pixel Photonics vorerst mit einem anderen Thema: der Bereitstellung von Hardware im Bereich der skalierbaren Einzelphotonendetektoren für wissenschaftliche Anwendungen sowie für die Quantenkryptografie.

Also der Verschlüsselung von Daten?
Seidenstücker: Richtig, das ist heute bereits ein aktuelles Thema. Südkorea zum Beispiel schützt damit seine zivile und kritische Infrastruktur, also beispielsweise den Datenaustausch zwischen einem Kraftwerksleitstand und einem Kraftwerk. In China gibt es eine Datenautobahn zwischen Beijing und Shanghai, um verschlüsselt Nachrichten zu übertragen. Und die USA und auch die EU planen ähnliche Vorhaben.

Hintergrund ist, dass mit der Einführung von Quantencomputern die typischen herkömmlichen Verschlüsselungsmethoden, die wir heute nutzen, sehr wahrscheinlich obsolet sind. Das heißt, auch eine heute als sicher eingestufte Kommunikation wird in Zukunft unsicher werden, wenn ein Dritter - wer auch immer das sein möge - einen Quantencomputer zur Verfügung hat und damit die verschlüsselte Kommunikation knackt. Dies betrifft auch heutige Daten, da nahezu alles irgendwie gespeichert wird.

Wir haben daher gemeinsam mit den Professoren Wolfram Pernice und Carsten Schuck, Leiter der Arbeitsgruppen für „Responsive Nanosysteme“ und „Integrierte Quantentechnologie“ an der Universität Münster, und in Kooperation mit der Münster Nanofabrication Facility in langjähriger Forschungsarbeit eine innovative Technologie entwickelt, die die Herstellung von skalierbaren Einzelphotonendetektoren ermöglicht. Diese Lichtdetektoren können in einem Quantenkryptographie-System die Verschlüsselung von Daten sicherstellen, das auch gegen den Einsatz von Quantencomputern resistent ist.

 

„Unsere Vision ist es, gemeinsam ein nachhaltiges agiles Ökosystem für wissenschaftsbasierte Innovationen und Start-ups in der EUREGIO, also der deutsch-niederländischen Grenzregion, zu etablieren und letztendlich alle zu befähigen, ihre Ideen für eine bessere Zukunft in die Tat umzusetzen. Das komplette Team des Exzellenz Start-up Center hier in Münster mit seinen Kooperationspartnern hilft dabei, diese Ziele zu erreichen."

Prof. Dr. Thorsten Wiesel, Lehrstuhl für Value-Based Marketing beim Marketing Center Münster der WWU und Projektleiter des „Exzellenz Start-up Center.NRW an der WWU"

Sind Sie damit bereits am Markt?
Seidenstücker: Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr unser erstes Detektorsystem an Forschungseinrichtungen ausliefern werden. Bei unserer Technologie handelt es sich um eine sogenannte Enabling Technology. Das bedeutet, wir bieten auch eine Hardwarelösung an, die unterschiedliche quantentechnologische Anwendungen überhaupt erst möglich macht. Insofern ist unsere Technologie für Forscherinnen und Forscher sowie Entwicklungsabteilungen weltweit von großem Interesse.

Sie wurden bei Ihren Gründungsvorbereitungen von REACH, dem Exzellenz Start-up Center.NRW an der Uni Münster, unterstützt. Wie sah diese Betreuung aus?
Seidenstücker: Wir haben durch das Exzellenz Start-up Center auf diversen Ebenen profitiert. Unser CEO Nicolai Walter - durch und durch Physiker und gerade dabei, seine Promotion abzuschließen - hat zum Beispiel einen neunmonatigen Zertifikatstudiengang bei REACH im Bereich Entrepreneur Management absolviert. Sehr hilfreich ist auch die Online-Plattform mit unglaublich vielen Informations- und Lernmaterialien.

Es geht also vor allem um Education und Enabling von Personen, die noch nie mit Betriebswirtschaftslehre und dem Thema Gründung in Kontakt gekommen sind. Sie können ja nicht einfach zu einer Gründungsberatung der Industrie- und Handelskammer gehen, auch eine konventionelle Anwaltskanzlei und Steuerberatung werden Ihnen nicht weiterhelfen. Sie müssen vielmehr mit Fachleuten sprechen, die sich wirklich mit den Herausforderungen einer Start-up-Gründung auskennen. 

Was ist denn so besonders an einer Start-up-Gründung?
Seidenstücker: Start-ups zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie mit einem innovativen Produkt auf den Markt gehen möchten. Das bedeutet, es gibt noch keine Erfahrungswerte darüber, ob und wie dieses Produkt letztlich bei den potenziellen Kunden ankommt. Insofern kommt zum Beispiel keine klassische Darlehensfinanzierung durch eine Bank infrage.

Das Gründungsteam muss sich also über Venture Capital finanzieren: Business Angels, staatliche Förderinstitute wie die KfW oder die Investitionsbanken der Bundesländer, wie zum Beispiel die NRW-Bank, die ebenfalls Risikokapital zur Verfügung stellen. Es handelt sich dabei um Beteiligungen an einem Start-up. Im Prinzip funktioniert das so: Wenn sich das junge Unternehmen gut entwickelt, erhalten die Kapitalgeber ein Vielfaches ihrer Beteiligung zurück. Geht es schief, ist das Geld weg.

Diese Finanzierung erfordert ein ganz besonderes rechtliches Setting. Wir sind zum Beispiel sieben Gründer. Entsprechend groß ist die Herausforderung, unsere Interessen so auszutarieren, dass es weder zwischen uns intern noch zwischen uns und den Kapitalgebern zum Streit kommt. Wenn da vertraglich ein Fehler gemacht wird, kann es teuer werden. Von daher brauchen wir eine spezialisierte Kanzlei, die sich mit der Vertragsgestaltung von Unternehmen, die mit Venture Capital finanziert werden, wirklich auskennt.

Noch einmal zurück zu REACH: Gab es neben der Vermittlung von Gründungs-Know-how auch die Möglichkeit, sich auszutauschen?
Seidenstücker: Ja, es gab zum Beispiel regelmäßige Sessions, bei denen die Coaches von REACH geprüft haben, wie weit man im Ausgründungsprozess ist. Das betraf alle möglichen Themen und Fragen: Wer hat welche Aufgabe im Team? Habt Ihr euch über Stellenbeschreibungen Gedanken gemacht? Wie sieht es mit der Produktentwicklung aus? Gibt es eine Nachfrage nach Eurem Produkt? Gerade was die letzte Frage betrifft, sind wir in der glücklichen Lage, dass wir auf eine bereits bestehende Nachfrage setzen können. In den letzten Jahren wurden unsere Professoren immer wieder von Forscherinnen und Forschern angefragt, ob sie nicht ein Detektor-System mit sehr vielen Kanälen entwickeln und verkaufen könnten. Solche skalierbaren Einzelphotonendetektoren sind vor allem für aktuelle Forschungsvorhaben relevant und können zukünftig für breitbandige Quantenkryptographiesysteme genutzt werden. Das ist natürlich ein großer Startvorteil für uns.

Ich erlebe aber auch viele Teams, die erstmal nur eine relativ diffuse Idee haben, aber dennoch davon überzeugt sind, dass die ganze Welt auf ihr zukünftiges Produkt wartet. Das Problem ist, diese Teams fragen ihre Freunde und Familien nach ihrer Einschätzung und erhalten dann aus lauter Nettigkeit ein durchweg positives Feedback. Das hilft aber nicht wirklich weiter. Die Frage ist doch vielmehr: Gibt es wirklich ausreichend zahlende Kunden? Und da fühlen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von REACH einem schon auf den Zahn und haken genau nach: Gibt es überhaupt einen Markt? Hat die Idee Potenzial? Oder gibt es nur einen einzigen Kunden und das war es dann? Usw.

Sie haben im September 2020 Ihr Start-up gegründet. Wie lange haben Sie sich darauf vorbereitet?
Seidenstücker: Der erste Kontakt zur Gründungsförderung der Uni Münster kam vor etwa zweieinhalb Jahren zustande. Wir haben damals erfolgreich einen Antrag für EXIST-Forschungstransfer gestellt und wurden damals durch den Vorläufer von REACH - das war damals noch eine personell sehr klein ausgestattete Anlaufstelle für Gründerinnen und Gründer an der Uni Münster - sehr gut unterstützt. Das Ganze ist dann vor etwa anderthalb Jahren im REACH aufgegangen. Das heißt, in Summe werden wir durch die Uni Münster seit ungefähr zwei bis drei Jahren unterstützt.

Sie sagen, Sie haben auch EXIST-Forschungstransfer erhalten. Wie würden Sie das Förderprogramm bewerten?
Seidenstücker: EXIST-Forschungstransfer richtet sich vor allem an Doktoranden und Post-Docs, die das Ergebnis ihrer Forschungs- und Entwicklungsarbeiten auf den Markt bringen möchten. Meiner Erfahrung nach, ist das Förderprogramm wirklich genial, weil es das finanzielle Risiko abpuffert, das man als Gründer hat, und enorm viel Freiraum zur Entstehung neuer Ideen schafft. Man muss eine ganze Reihe von Meilensteinen abarbeiten, ganz ähnliche, wie sie auch das REACH abprüft. Insofern hat sich das sehr gut ergänzt und das Team von REACH stand immer wieder als Sparringspartner zur Seite.

Wenn Sie auf die letzten Monate zurückblicken: Wie hat sich Ihr Unternehmen seit der Gründung entwickelt?
Seidenstücker: Wir haben ein sehr positives Feedback von der Investorenseite, aber auch von der Marktseite her erlebt, so dass wir sehr optimistisch sind, was die Geschäftsentwicklung betrifft. Wir gehen davon aus, dass wir jetzt, im zweiten Geschäftsjahr, tatsächlich schon erste Umsätze realisieren können.

Gibt es noch einen Tipp, den Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben würden?
Seidenstücker: Ich denke, dass sich jedes Gründungsteam mindestens zwölf Monate im Vorfeld mit seiner Idee intensiv auseinandersetzen sollte, bevor es Geld in die Hand nimmt und ein Unternehmen gründet. Da ist das REACH mit seinen umfangreichen Dienstleistungsangeboten, dem Inkubator und Workshops eine unglaubliche Stütze.

Ein weiterer Punkt ist das Thema Teambuilding: Hier kann ich jedem Gründungsteam nur empfehlen, richtig viel Zeit zu investieren. Das Team muss sauber aufgestellt sein. Es ist ein Riesenfehler zu glauben, dass man das auf später verschieben kann. Das Team muss frühzeitig überlegen, wer der oder die CEO ist. Wer hat den Hut auf? Wer ist der zweite Geschäftsführer? Wer ist vielleicht nur beratend tätig? Wer arbeitet 100 Prozent? Wer arbeitet 50 Prozent? Wer möchte das Ganze nur als Sparringspartner begleiten? Hierüber so früh wie möglich Klarheit zu haben, ist sehr wichtig.

Und schließlich noch der Markt. Ich kann nur sagen: Sucht den Kontakt zu Leuten, die das schon einmal gemacht haben: Leute aus Unternehmen, aus der Branche, aber auch potenzielle Kunden. Und wenn Ihr hundert potenzielle Kundinnen und Kunden oder zehn Unternehmen gefunden habt, die Euer Produkt kaufen würden, dann scheint Ihr wirklich etwas Interessantes in der Hand zu haben. Wenn das Feedback durchwachsen ist, solltet ihr nochmal ans Produkt ran. Wenn es genial ist, werdet Ihr das anhand der Reaktionen merken. Und wenn Euch Investoren die Türe einrennen, dann scheint Ihr wirklich auf dem richtigen Weg zu sein. Setzt Euch jedenfalls lieber der Gefahr aus, dass jemand Eure Idee kopiert oder klaut, als auf ein Feedback zu verzichten. Um das beste Produkt zu entwickeln, braucht Ihr dieses Feedback.

 

Stand: Juni 2021

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