„Was uns am meisten vorangebracht und motiviert hat, war das Netzwerk. Dadurch haben wir andere junge Leute in verschiedenen Gründungsphasen kennengelernt.“

© Marius Ruhrmannm, MapAd GmbH

Beim Thema Digitalisierung ist der Einzelhandel immer noch zurückhaltend. Es fehlt in der Regel an Know-how, Zeit und Mut. „Keep it simple“ sagten sich daher der Wirtschaftsinformatiker Marius Ruhrmann sowie der Wirtschaftsingenieur Daniel Schütz. Die beiden haben mit Unterstützung des Gründerbüros an der Universität Siegen eine Software entwickelt, die Einzelhändlerinnen und -händlern dabei hilft, schnell und einfach ihre Produkte auf allen wichtigen Online-Kanälen zu präsentieren. Mit ihrem im Juni 2020 gegründeten Start-up mapAds schließen sie offenbar eine große (Nachfrage)Lücke.

Herr Ruhrmann, Sie haben eine Software entwickelt, die den Einzelhandel dabei unterstützt, sich mit seinen Produkten digital besser zu präsentieren. Um was geht es genau?
Ruhrmann:
Uns war aufgefallen, dass der stationäre Einzelhandel im Unterschied zu Online-Größen wie Zalando und Amazon im Internet kaum sichtbar ist. Wir haben daher vor zweieinhalb Jahren gemeinsam mit Einzelhändlerinnen und -händlern eine Software entwickelt, die dem Handel dabei hilft, seine Produkte digital zu präsentieren.

Und wie funktioniert das?
Ruhrmann:
Ein Beispiel: Der Inhaber eines Schuhgeschäfts digitalisiert seine Produkte mit unserer Software in Sekundenschnelle. Dazu kann er entweder ein Bild seines Schuhs hochladen oder einfach den Barcode des Schuhs scannen. Das Smarte an unserer Software ist dabei, dass Bild, Produktbeschreibung und der Name des Schuhgeschäfts von unserer Software automatisch über Google, Facebook, Instagram, Youtube usw. ausgespielt werden.

Wenn Sie also nach einem bestimmten Schuh googeln, sehen Sie, dass der nicht nur bei den großen Onlinehändlern erhältlich ist, sondern auch in dem Schuhgeschäft in Ihrer Nähe, wo Sie den Schuh anprobieren und sich beraten lassen können. Das ist unser Fokus: dass wir die Verbraucherinnen und Verbraucher zurück in den stationären Handel bringen, indem wir die Produkte des lokalen Einzelhandels online sichtbar machen.

Wie reagiert der Einzelhandel auf Ihr Angebot?
Ruhrmann:
Sehr gut. Nicht zuletzt durch den coronabedingten Lockdown. Da gab es so einen richtigen Digitalisierungsschub. Der hält auch immer noch an. Mittlerweile haben einfach alle verstanden, dass man digital präsent sein muss. Insofern schließen wir da schon eine Lücke.

Sie haben die Software bzw. Plattform zusammen mit Ihrem Gründungspartner Daniel Schütz entwickelt. Was für einen Hintergrund haben Sie beide?
Ruhrmann:
Daniel ist eher ein Weltenbummler. Er ist Wirtschaftsingenieur, hat in Köln studiert und hat sich schon sehr früh mit dem Thema Selbstständigkeit befasst. Er hat in Finnland ein kleines Start-up gegründet und hat längere Zeit auch für ein Start-up im Silicon Valley gearbeitet. Und als er wieder zurück nach Deutschland kam - er ist gebürtiger Siegener – hatte er eine Gründungsidee mit im Gepäck.

Sie selbst sind Wirtschaftsinformatiker?
Ruhmann:
Ja, ich habe erst eine Ausbildung als Fachinformatiker gemacht – bin also gelernter Programmierer – und habe dann an der Uni Siegen meinen Bachelor und Master in Wirtschaftsinformatik ziemlich erfolgreich absolviert. Fürs Gründen habe ich mich schon damals interessiert und entsprechende Entrepreneurship-Veranstaltungen an der Uni besucht.

Und wie haben Sie sich kennengelernt?
Ruhrmann:
Der Kontakt kam über einen der Berater im Gründerbüro der Uni Siegen zustande, dem wir unabhängig voneinander unsere Ideen vorgestellt hatten. Er war aber nicht so ganz überzeugt davon. Also hat er sich mit uns beiden zusammengesetzt und meinte: „Ihr seid beide junge und schlaue Köpfe, tauscht mal eure Erfahrungen aus. Vielleicht kommt ihr ja zusammen auf eine neue Idee, die besser als eure bisherigen ist.“

Sie haben also out of the blue eine ganz neue Businessidee entwickelt?
Ruhrmann:
Ja, das kann man so sagen. Einzige Bedingung war, dass wir als Wirtschaftsingenieur und Wirtschaftsinformatiker irgendetwas Technisches entwickeln wollten. Bei der Ideenfindung sind wir dann ganz pragmatisch vorgegangen und haben überlegt, was uns im Alltag stört. Das wir dann auf den Einzelhandel kamen, war tatsächlich purer Zufall. Der Anlass war, dass Daniel Hanteln kaufen wollte, aber nicht online – schon allein um den Paketkurier etwas zu schonen. Also hat er recherchiert, wo es in Siegen ein Geschäft gibt, das Hanteln verkauft. Das war aber nicht herauszufinden, obwohl es hier einige Sportgeschäfte gibt. Das heißt, man findet über Google zwar die Namen und Adressen der Geschäfte, aber man erfährt nicht, ob die auch das Produkt führen, das man sucht. Die großen Platzhirsche im Onlinehandel machen das mittlerweile, aber der kleinere Einzelhandel hat da immer noch keinen Zugang zu gefunden. Und so ist die Idee entstanden.

Und wie hat das Gründerbüro darauf reagiert?
Ruhmann:
Die Mitarbeitenden dort fanden die Idee super, und so kam eins zum anderen. Wir haben Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen, wurden von Coaches begleitet und hatten Zeit, um an unserer Idee zu arbeiten. Das Gründerbüro hat Info-Veranstaltungen zu allen möglichen Gründungsthemen angeboten. Außerdem fanden kleine Wochenendevents statt, wo man seine sozialen Kompetenzen weiterentwickeln konnte. Das hat uns immens weitergeholfen, weil wir uns dadurch auch mit allen möglichen Skills, die man zum Gründen braucht, vertraut machen konnte. Was uns aber am meisten vorangebraucht und motiviert hat, war das Netzwerk: andere junge Leute in verschiedenen Gründungsphasen kennenzulernen. Manche waren noch auf der Suche nach einer Idee. Denen konnten wir dann mit unseren Erfahrungen helfen. Andere hatten ihr Start-up schon gegründet und bereits große Aufträge an Land gezogen. Dieser Austausch untereinander war einfach besonders spannend. Zu sehen, was für Fehler andere gemacht haben, zu überlegen, wie wir diese Fehler vermeiden können und vor allem einen tiefen Einblick zu bekommen, worauf es bei einer Gründung wirklich ankommt.

Gefördert wurden Sie über EXIST-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums.
Ruhrmann:
Ja, dafür hatten wir uns beworben. Auch da hat uns das Gründerbüro der Uni Siegen sehr geholfen. Ein Pluspunkt war, dass wir im Bereich Künstliche Intelligenz unterwegs sind und eine innovative Idee entwickelt hatten. Das hat sehr geholfen. Das EXIST-Gründerstipendium war dann noch mal ein richtiger Kick für uns, der uns beide veranlasst hat, unsere damaligen Jobs zu kündigen und unsere Zeit in die Gründungsvorbereitungen unseres Start-ups zu investieren. Das war wirklich ein tolles Angebot, dass man ein Jahr lang an seiner Idee und seinem Geschäftsmodell arbeiten konnte. In dieser Zeit hatten wir dann auch ein Büro im IoT-Accelerator der Uni Siegen, wo uns dann auch ein Mentor zur Seite gestellt wurde und wir noch mehr Kontakte zu anderen Start-ups aber auch etablierten IT-Unternehmen knüpfen konnten.

Wie sah es mit der Finanzierung im Anschluss an EXIST-Gründerstipendium aus?
Ruhrmann:
Wir sind den klassischen Start-up-Weg gegangen und haben nach einem Investor Ausschau gehalten. Den haben wir dann auch mit Unterstützung des Gründerbüros sowie des Gründerwerks, das von der Sparkasse Siegen betrieben wird, gefunden: Der Siegerland Fonds gehört zur Sparkasse Siegen und fand unsere Idee gut – zumal die Sparkasse ja auch ein berechtigtes Interesse daran hat, dass es dem Einzelhandel gut geht.

Wie hat sich MapAds seitdem entwickelt? Was ist gut bzw. was ist nicht so gut gelaufen?
Ruhrmann:
Ich glaube, zu einem Start-up gehören immer Höhen und Tiefen dazu. Es gibt keine steile Kurve nach oben. Manchmal bekommt man auch die Tür vor der Nase zugeknallt – das gehört dazu. Aber man darf nicht aufgeben. Man muss hartnäckig bleiben. Ich glaube, der ganze Gründungsprozess und der Markteinstieg haben uns noch ein bisschen stärker gemacht, so dass wir sagen können, dass wir auch menschlich daran gewachsen sind. Wir haben so viele Erfahrungen gesammelt, uns kann mittlerweile glaube ich nichts mehr schocken. Man muss einfach lernen, das Beste aus allem zu machen und das Positive für einen rausziehen und dann den Kopf hochhalten.

Auf der anderen Seite haben Sie aber sicher auch gute Erfahrungen gemacht.
Ruhrmann:
Ja, auf jeden Fall. Wir haben zum Beispiel im Vergleich zu anderen Start-ups überraschend schnell ein Produkt entwickelt, das der Markt wirklich braucht. Gepusht wurde das ganz noch durch Corona. Wir haben einfach sehr viele Anfragen von Einzelhändlern bekommen, die unsere Software ausprobieren und mit uns den weiteren Weg gehen wollen. Auch dass es mit EXIST so gut geklappt hat und wir die Anschlussfinanzierung so schnell bekommen haben, war super. Das gilt auch für das Netzwerk, in dem wir uns bewegen sowie unsere Mentoren. Wir sind also ganz zufrieden.

Erfolgreich ist auch die bisherige Kundenakquise verlaufen. Wie erreichen Sie denn die Einzelhändler, die ja allesamt eher nicht digital aufgestellt sind?
Ruhrmann:
Zum einen gehen wir Partnerschaften mit Unternehmen ein, die schon mit Einzelhändlern zusammenarbeiten. Beispielsweise können Händler, die schon einen Online-Shop haben, ihre Produkte mit nur wenigen Klicks nach mapAds übertragen. Das macht es dem Händler, aber auch uns, einfacher die Produkte standortbezogen zu bewerben. Wir kooperieren aber auch mit den Sparkassen und anderen, die Programme und Konzepte für den Einzelhandel anbietet, so dass wir dort unsere Leistung integrieren können. Anfangs haben wir auch sehr viele Industrie- und Handelskammern kontaktiert. Die IHKn bieten Google-, Facebook-Trainings und weitere Seminare an, um den Einzelhandel für die Digitalisierung fit zu machen. In dem Zusammenhang hatten wir die Möglichkeit, sehr viele Seminare durchzuführen und unsere Leistung zu präsentieren.

Wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?
Ruhrmann:
Wir erleben gerade eine spannende Phase. In Deutschland arbeiten wir bereits mit vielen Einzelhändlerinnen und Einzelhändler zusammen. Da wollen wir jetzt noch größere Marktanteile gewinnen. Dazu werden wir unser Team vergrößern und den Vertrieb ausbauen. Natürlich werden wir auch unsere Software stetig weiterentwickeln und dabei das Feedback unserer Kunden berücksichtigen. Darüber hinaus haben wir die Angel in andere Länder ausgeworfen. Wir fahren gerade schon den ersten Test in England, haben da schon die ersten zwei Einzelhändler und wollen in Kürze auch den US-Markt testen.

Haben Sie noch Tipps für andere Gründungsteams parat?
Ruhrmann:
Ich finde es wichtig, den Mut zu haben, Dinge auszuprobieren und dabei aber auch sehr, sehr früh mit potenziellen Kunden zu sprechen. Wir haben viele Start-ups kommen und gehen sehen. Viele hatten ein Problem, weil sie keine potenziellen Kunden einbezogen hatten. Es wurden also Produkte entwickelt, die gar keiner braucht. Wichtig ist also: Feedback, Feedback, Feedback, um das Produkt bestmöglich auf den Markt zu stellen.

Ein weiterer Punkt: Netzwerken. Geht zu Inkubatoren, geht zu Veranstaltungen, geht zu den Gründerbüros in den Unis, und vermeidet die Fehler, die andere schon gemacht haben. Es bringt ungeheuer viel, mit anderen Start-ups zu sprechen. Das habe ich gelernt in den anderthalb Jahren.

Stand: Oktober 2021

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