„Es gibt keine bessere Finanzierung für ein Start-up als ein Förderprogramm.“

v.l.n.r.: Sven Wauschkuhn, Lea Fromme, David Wedegärtner, Dr. Deniz Dogan
© TecUP

Ob Türen, Autos oder Fußböden: Deren Oberflächen sollten idealerweise kratzfest und leicht zu reinigen sein. Doch beides zusammen war bislang kaum möglich. Mit ihrem innovativen Verfahren setzen David Wedegärtner, Dr. Deniz Dogan und Sven Wauschkuhn nun neue Maßstäbe bei der Beschichtung von Oberflächen. Das Team hat im Februar 2022 die Excellence Coatings GmbH gegründet und unternimmt bereits erste vielversprechende Schritte in Richtung Markt. Unterstützt werden sie dabei durch das Förderprogramm EXIST-Forschungstransfer. Seit Anfang November nehmen sie außerdem an chemstars.nrw teil, einem Projekt, das den Fokus auf Start-ups in der Chemiebranche legt. Entscheidend für den bisherigen erfolgreichen Gründungsweg des Excellence-Coatings-Teams ist aber nicht zuletzt die Hilfestellung durch das TecUP. Das Technologietransfer- & Existenzgründungs-Center der Universität Paderborn steht dem Team von Beginn an zur Seite. Und das sei Gold wert, sagt Sven Wauschkuhn im folgenden Interview.

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Herr Wauschkuhn, Sie haben zusammen mit Ihren beiden Kollegen Deniz Dogan und David Wedegärtner ein Beschichtungsverfahren entwickelt, das die Vorteile von Silikonbeschichtungen und organischen Beschichtungen kombiniert. Was genau bedeutet das?
Wauschkuhn: Stark vereinfacht gesagt, sind herkömmliche organische Beschichtungen immer sehr hart und kratzfest. Auf Silikonbeschichtungen trifft dies nicht zu. Ihr Vorteil ist vielmehr, dass sie wasser- und schmutzabweisend sind. Allerdings sind sie sehr kratzempfindlich. Wir haben daher eine neuartige Beschichtung entwickelt, die so hart und kratzfest wie eine organische Beschichtung und zugleich so wasser- und schmutzabweisend wie eine Silikonbeschichtung ist. Wir erzielen quasi einen sogenannten Lotuseffekt. Das bedeutet, dass Schmutz, Graffiti oder Tesafilm einfach von der Oberfläche entfernt werden können. Wir beschreiben diese Eigenschafft als „Easy-to-clean"-Effekt. Des Weiteren entwickeln wir Lacke mit einem „Anti-Ice"-Effekt. Er bewirkt, dass sich Eis aufgrund geringerer Haftung einfacher von Oberflächen entfernen lässt.

Bei Ihrem Beschichtungsverfahren handelt es sich um ein komplett neuartiges Verfahren. In welchem Kontext ist es entstanden?
Wauschkuhn: Die Idee geht auf die Dissertation von Deniz Dogan zurück. Deniz hat sich damals mit der Frage beschäftigt, wie sich die Ansiedlung von Mikroorganismen auf Oberflächen vermeiden lässt. Stichwort: „Anti-Fouling“. Dabei hat er festgestellt, dass es für das von ihm entwickelte Beschichtungsverfahren ein sehr viel größeres Anwendungsfeld gibt. Gemeinsam mit seinem damaligen Kollegen David Wedegärtner hatte Deniz dann die Idee, daraus ein Produkt für die Industrie zu entwickeln. Mithilfe des TecUPs, das Gründungsnetzwerk der Uni Paderborn, haben sich die beiden daraufhin erfolgreich für eine Förderung durch das damalige Programm START-UP-Hochschul-Ausgründungen NRW beworben.

Sie selbst kommen von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und sind erst etwas später dazugekommen. Wie haben Sie zusammengefunden?
Wauschkuhn: Ich bin mit einem der Gründungscoaches vom TecUP schon länger befreundet und wusste, dass es immer wieder Start-ups gibt, die nach Mitgründerinnen und -gründern suchen. Der „Klassiker“ ist, dass der BWLer oder der Entwickler im Gründungsteam fehlt. Ich hatte daher Interesse signalisiert und gesagt, wenn es in Paderborn ein Start-up gibt, das noch einen BWLer sucht, höre ich mir die Gründungsidee gerne an. So kam dann der Kontakt zu Deniz und David zustande.

Sie kannten sich vorher überhaupt nicht?
Wauschkuhn: Nein, aber es war toll, weil es bei uns direkt „klick“ gemacht hat. Wir haben dieselben Ziele und können gut miteinander arbeiten – das ist wirklich ein großes Glück. Auch von den Kompetenzen her ergänzen wir uns sehr gut. Deniz ist Chemiker durch und durch. Er ist sozusagen das Brain hinter der Technologie. David ist ebenfalls Chemiker und ist ganz erheblich an der Entwicklung unseres Produkts beteiligt. Außerdem hat er sein gesamtes Studium durch eine selbständige Tätigkeit. Er bringt also einen richtige Unternehmer-Spirit mit. Ich selbst habe mich in meinem Masterstudium mit Entrepreneurship und Nachhaltigkeit beschäftigt und außerdem in einer Gründungs- und Unternehmensberatung gearbeitet, wo ich viele Skills mitgenommen habe, die ich heute gut gebrauchen kann: sei es die Kalkulation von Geschäftsmodellen, die Erstellung von Geschäftsplänen oder die strategische Ausrichtung von jungen Unternehmen.

Wir haben uns dann gemeinsam auf die Beantragung von EXIST-Forschungstransfer vorbereitet und arbeiten jetzt seit gut anderthalb Jahren an der Weiterentwicklung unseres Produkts und bereiten den Markteinstieg vor.

Sie sagten Deniz Dogan und David Wedegärtner hatten sich an TecUP gewandt, um eine erste Förderung zu beantragen. Welche weitere Unterstützung haben Sie als Gründungsteam erhalten?
Wauschkuhn: Die Beratung zu den Förderprogrammen war gerade in der Anfangsphase besonders hilfreich. Die Beantragung eines Förderprogramms ist ja nicht so einfach. Insofern ist es natürlich Gold wert, dass einem Einrichtungen wie das TecUP mit ihren Erfahrungen helfen können. Das Team weiß genau, wie die Antragsstruktur aussehen muss, was man hervorheben muss und wie man am besten vorgeht.  Darüber hinaus bietet das TecUP ein Coaching an, das sich individuell am Bedarf der Gründerinnen und Gründer orientiert. Unsere beiden Coaches helfen uns da wirklich enorm. Hinzu kommt die Infrastruktur. Es ist sehr wichtig für uns, dass wir ein eigenes Büro im TecUP haben, dass wir dort Meetingräume nutzen können usw. Und nicht zuletzt verfügt das Gründungszentrum an der Uni Paderborn über ein weit verzweigtes Netzwerk. Das bedeutet, wir nehmen an zahlreichen Veranstaltungen teil, wo wir unser Start-up vorstellen können und mit vielen Menschen aus Industrie und Wissenschaft in Kontakt kommen.

Was genau meinen Sie damit, wenn Sie sagen, dass die Antragstellung von Förderprogrammen nicht so einfach ist?
Wauschkuhn: Eine große Herausforderung ist zum Beispiel, dass man den innovativen Kern des Vorhabens überzeugend darstellen muss. Das heißt, einerseits muss viel technisches Know-how in den Antragstext einfließen, andererseits soll der Inhalt aber auch für Leserinnen und Leser, die nicht mit dem Thema vertraut sind, nachvollziehbar sein. Ein Knackpunkt ist auch, dass man zum Beispiel bei der Beantragung von EXIST-Forschungstransfer deutlich machen muss, wie man binnen zweier Jahre aus einer Forschungsidee ein markttaugliches Produkt entwickeln wird. Die Beantwortung dieser wichtigen Frage ist mit großem Aufwand verbunden.

EXIST-Forschungstransfer ist ein Programm des Bundeswirtschaftsministeriums, das damit hoch innovative Gründungsteams unterstützt. Sie spielen also praktisch in der oberen Liga der Gründungsförderung mit. Wozu setzen Sie die Förderung ein?
Wauschkuhn: Wir erhalten seit April 2021 etwa 800.000 Euro aus dem Programm EXIST-Forschungstransfer. Damit können wir den größten Kostenfaktor über zwei Jahre abdecken. Dabei handelt es sich um die Personalkosten für Deniz, David und mich sowie für unsere Chemielaborantin Lea Fromme. Darüber hinaus gibt es ein Budget für die Anschaffung von Geräten und Betriebsmitteln. Damit konnten wir unter anderem einen großen Dissolver kaufen, mit dem wir monatlich mehrere Tonnen unserer neuen Beschichtung selbst produzieren können. Ein hoher Kostenfaktor ist auch die Durchführung externer Tests, um verschiedene Lackeigenschaften überprüfen zu lassen. Diese Testverfahren werden von Laboren in ganz Deutschland in unserem Auftrag durchgeführt und über EXIST-Forschungstransfer finanziert. Das gilt auch für die Kosten für externe branchenspezifische Beratungsleistungen.

Sie haben gerade mit der Teilnahme an dem Projekt chemstars.nrw gestartet. Das Projekt wird durch die Initiative Exzellenz Start-up Center NRW gefördert. Chemstars.nrw legt den Fokus auf Start-ups in der Chemiebranche. Wissen Sie schon, was Sie erwartet?
Wauschkuhn: Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit chemstars.nrw. Der Startschuss fiel für uns Anfang November 2022. Inhaltlich werden wir uns vor allem mit Fragen des Vertriebs in der Chemiebranche beschäftigen. Darüber hinaus wollen wir alle verbliebenen Know-how-Lücken schließen. Dazu gehört auch das gesetzliche Regelwerk innerhalb der Chemiebranche. Das sind Themen, bei denen uns chemstars.nrw sehr gut helfen kann.

Wie lange werden Sie an chemstars.nrw teilnehmen?
Wauschkuhn: Das Programm ist immer auf sechs Monate ausgelegt. In der Zeit trifft man sich zu Coachingsessions, um an seinen Themen zu arbeiten, und nimmt an Netzwerkveranstaltungen teil, um sowohl mit anderen Start-ups als auch etablierten Unternehmen aus der Chemiebranche in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen.

Man hört deutlich heraus, dass Sie von vielen Seiten unterstützt werden. Gab es denn trotzdem besondere Herausforderungen, mit denen sie so nicht gerechnet hatten?
Wauschkuhn: Klar haben wir bisher eine super Unterstützung erhalten. Es ist aber dennoch eine besondere Herausforderung, für bestimmte Themen die richtigen Ansprechpartnerinnen und -partner zu finden. Wir brauchen Fachleute, die sich in der Chemiebranche wirklich gut auskennen. Die sind nicht immer so einfach zu finden. Mit einer weiteren Hürde hatten wir außerdem aufgrund von Corona in der Anfangsphase zu tun. 2021 sind fast alle Messen und Konferenzen ausgefallen oder fanden nur digital statt. Das hatte zur Folge, dass wir ziemlich ausgebremst wurden, so dass sich die Gründungsvorbereitungen doch etwas verzögert haben.

Gibt es auch etwas, dass Sie positiv überrascht hat?
Wauschkuhn: Dazu gehört in jedem Fall das Supportsystem. Es ist wirklich klasse, wie viele Leute es gibt, die einen unterstützen. Das betrifft auch die Unternehmen, die wir als Pilotkunden gewinnen wollten. Die haben unglaublich positiv reagiert, so dass wir uns regelrecht aussuchen konnten, mit wem wir ein Pilotprojekt durchführen.

Zu Ihren Pilotkunden gehört auch die Deutsche Bahn. Wie kam der Kontakt zustanden?
Wauschkuhn: Die Deutsche Bahn bietet mit der DB mindbox eine Art Start-up Akzelerator an. Das dortige Team scoutet für ausgewählte Themen aus unterschiedlichen Konzernbereichen regelmäßig Start-ups. Eines der Themen drehte sich um Lacke und Beschichtungen. Das Team der DB mindbox hatte uns empfohlen, uns auf ihr Programm zu bewerben. Das haben wir getan und das entsprechende Pitch-Event gewonnen. Daraufhin haben wir an einem 100-Tage-Programm teilgenommen, um den Proof of Concept für unser Produkt durchzuführen. Das ist uns bei der Beschichtung von Pflastersteinen an Bahnhöfen sowohl im Easy-to-Clean- als auch im Anti-Ice-Bereich gelungen.

Zum Schluss noch folgende Frage: Welche Tipps würden Sie anderen Gründungsinteressierten geben?
Wauschkuhn: Man braucht ein sehr großes Supportsystem. Wenn man aus der Uni heraus gründet, sollte man daher immer das jeweilige Gründungsnetzwerk kontaktieren und sich erkundigen, welche Förderprogramme es gibt. Es gibt keine bessere Finanzierung für ein Start-up als ein Förderprogramm. Es ist einfach enorm, welche Ruhe durch eine passende Förderung im Team entsteht. Man kann sich dadurch voll und ganz auf die Weiterentwicklung des Produktes bis hin zur Marktreife konzentrieren. Außerdem profitiert man natürlich von dem Ökosystem des Gründungsnetzwerks.

 

Stand: November 2022