Jochen Schwill und Hendrik Sämisch
© Next Kraftwerke GmbH

„Mit einem Partner wie Shell sind wir viel schlagkräftiger, um die Energiewende in Richtung erneuerbare Energien zu lenken.“

Vor über zehn Jahren gingen Jochen Schwill und Hendrik Sämisch mit der Next Kraftwerke GmbH an den Start. Innerhalb kurzer Zeit hat sich die Ausgründung der Universität zu Köln zum Marktführer für die Integration von Erneuerbaren Energien in Deutschland entwickelt. Jetzt übernimmt Shell 100 Prozent der Anteile an Next Kraftwerke. Warum das für die beiden Gründer eine Art Ritterschlag ist, erklärt Jochen Schwill im folgenden Interview.

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Interview mit Jochen Schwill, Next Kraftwerke GmbH (mp3, 7 MB)

Herr Schwill, Sie haben zusammen mit Hendrik Sämisch 2009 die Next Kraftwerke GmbH gegründet und betreiben inzwischen eines der größten virtuellen Kraftwerke Europas. Können Sie kurz erläutern, wie man sich das vorstellen kann?
Schwill:
Wir sind damals mit der Idee angetreten, ein virtuelles Kraftwerk aus dezentralen Stromerzeugungsanlagen zu gründen. Angefangen haben wir mit Notstromaggregaten, die wir auf unserer Plattform miteinander vernetzt haben. Kurz darauf sind Biogas-, Photovoltaik- und Windkraftanlagen – kurz alles, was man sich unter dezentralen Anlagen vorstellen kann – hinzugekommen. Inzwischen ist daraus mit mehr als 10.000 Anlagen das größte virtuelle Kraftwerk Europas entstanden.

Die Anlagen werden aber nicht von Ihnen betrieben.
Schwill:
Nein, die Anlagen gehören kleinen bis mittelgroßen Stromerzeugern, die nicht selbstständig am Strommarkt aktiv sind, sondern erst durch uns an den Strommarkt gebracht werden. Sie können sich das vorstellen wie bei einer Molkerei, die die Milch bei den Landwirten abholt und dann in den Großhandel verkauft. So machen wir das auch mit dem Strom. Wir kaufen den Strom bei den Erzeugern auf und verkaufen ihn weiter an den Großhandel. Dabei wird das Produkt von uns veredelt. Das heißt, wir erstellen Prognosen und steuern die Anlagen, so dass wir zum Beispiel Produktionsengpässe ausgleichen können. Das alles ist digital vernetzt und läuft bei uns in Köln-Ehrenfeld zusammen.

Offensichtlich läuft es sehr gut. Bei der Integration von erneuerbaren Energien sind Sie Marktführer in Deutschland. Was waren Ihrer Einschätzung nach die entscheidenden Voraussetzungen für diesen Erfolg?
Schwill:
Das ist schwer zu sagen. Es gibt natürlich viele Faktoren. Ich kann mich zum Beispiel noch erinnern, was unsere Investoren auf die Frage, was denn den Ausschlag für ihre Entscheidung gegeben hatte, sagten: „Die Gründer, die Gründer und die Gründer.“ Also so, wie beim Hauskauf: die Lage, die Lage, die Lage. Es war also erst einmal gar nicht so sehr die Idee, sondern das Team und die Führung. Später kam sicherlich hinzu, dass wir flexibel auf Marktänderungen reagiert haben. Das war vor dem Hintergrund der Energiewende und des damit verbundenen dynamischen Umfelds sehr wichtig. Aber natürlich gehörte auch ein bisschen Glück dazu. Wir waren einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Sie kommen beide von der Uni Köln, der Sie auch nach Ihrer Gründung treu geblieben sind.
Schwill:
Ja, wir sind beide ehemalige Doktoranden am Energiewirtschaftlichen Institut der Uni Köln gewesen und haben damals das Institut verlassen, um uns selbstständig zu machen. Die Verbindung zu unserem Professor Marc Oliver Bettzüge haben wir aber weiterhin gehalten. Außerdem laden wir Studentengruppen zu uns ein und halten Vorträge an der Uni. Darüber hinaus stehen wir in engem Kontakt mit der Fachhochschule Köln, der RWTH Aachen und der TU Dortmund, weil wir einen sehr großen Bedarf an guten Programmierern und Ingenieuren haben. Glücklicherweise ist Köln für viele ein attraktiver Standort. Das haben wir immer gut nutzen können.

Die Next Kraftwerke GmbH hat kürzlich für Schlagzeilen gesorgt, weil sie von Shell übernommen wurde.
Schwill:
Ja, und darüber sind wir sehr glücklich. Wir haben damit einen tollen Partner für unser Unternehmen. Nach zehn Jahren mit verschiedenen Venture-Capital-Gesellschaftern ist es jetzt an der Zeit, dass jemand einsteigt, der aus der Branche kommt und ein tiefes Verständnis und eine Vision für die Energiewende hat, so dass wir unser Unternehmen auf eine nächste Ebene bringen können. Shell ist da der beste Partner, den wir finden konnten. Ich empfinde es auch als eine Art Ritterschlag für unser Unternehmen, dass sich Shell dieses Unternehmen ausgesucht hat. Der Konzern hat sich das Ziel gesetzt, die besten Unternehmen der Energiewirtschaft unter einen Hut zu bringen, um damit der weltgrößte Energieversorger zu werden.

 

„Als Universität zu Köln und besonders als Gateway Exzellenz Start-up Center (ESC) sind wir natürlich stolz auf die Erfolge unserer Alumni und gratulieren Hendrik Sämisch und Jochen Schwill herzlich zu dem erfolgreichen Verkauf der Next Kraftwerke an Shell. Ausgehend von einem EXIST-Gründerstipendium im Jahr 2009/2010 entwickelte sich das Start-up zu einem der führenden virtuellen Kraftwerke Europas. Wir freuen uns, dass die Gründer auch während des Aufbaus ihres Start-ups immer in enger Verbindung mit uns geblieben sind. Hendrik Sämisch bringt seine Erfahrungen als Mitglied im Gateway ESC Steering Committee aktiv ein und ist für unsere jungen Gründerinnen und Gründer zusammen mit Jochen Schwill nicht nur ein inspirierendes Vorbild, sondern auch Ansprechpartner. Beide teilen ihre Gründungsexpertise großzügig und suchen den Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an der Universität zu Köln und dem Gateway ESC. Sie unterstützen auch nachfolgende Generationen von gründungsinteressierten Studierenden, Gründerinnen und Gründern. Wir freuen uns auf weitere spannende Projekte in denen wir auch in Zukunft zusammenarbeiten können.“

Marc Kley, geschäftsführender Direktor des Gateway Exzellenz Start-up Center (ESC), Universität zu Köln

Shell war in der Vergangenheit nicht gerade dafür bekannt, dass es in regenerative Energien investiert hat. Sieht das mittlerweile anders aus?
Schwill:
Shell hat bereits sehr viel in erneuerbare Energien investiert und ist da auf einem ganz großen Veränderungspfad. Aber viele stellen sich genau diese Frage: Wie passt das zusammen: Shell und die Energiewende? Shell, der Ölkonzern einerseits und das grüne Unternehmen Next Kraftwerke andererseits? Aber da sagen wir ganz klar: Das passt für uns sehr gut zusammen. Mit einem Partner wie Shell sind wir viel schlagkräftiger, um die Energiewende in Richtung hundert Prozent erneuerbare Energien zu lenken.

Welche Funktion werden Sie und Herr Sämisch zukünftig innehaben?
Schwill:
Wir bleiben weiterhin Geschäftsführer und werden die Next Kraftwerke wie bisher begleiten – nur eben jetzt mit anderen Gesellschaftern. Wir waren ja zuvor auch kein hundertprozentiger Eigentümer des Unternehmens, sondern hatten immer einen Beirat, mit dem wir unsere Entscheidungen diskutiert haben. Das war für die Entwicklung unseres Unternehmens sehr hilfreich. Hinzu kam der ebenfalls sehr enge Austausch mit unseren Kapitalgebern. Ich denke, dass wir damit auch einen wichtigen Beitrag für unser Risikomanagement geleistet haben, denn weitreichende strategische Entscheidungen zu treffen, wenn man keinerlei unternehmerische Erfahrungen hat und frisch von der Uni kommt, kann für ein junges Unternehmen ziemlich riskant sein. Man selbst muss natürlich die Impulse setzen, aber es ist gut, ein Kontrollgremium zu haben. Dieses Kontrollgremium wird jetzt ersetzt durch Gesellschafter von Shell. Dabei wird der Entscheidungsspielraum für uns womöglich größer werden, weil auch die Voraussetzungen für das Wachstum von Next Kraftwerke größer geworden sind.

Das heißt, Sie werden bei strategischen Entscheidungen nach wie vor mit am Tisch sitzen?
Schwill:
Ganz genau. Next Kraftwerke wird als unabhängiges Unternehmen weiterexistieren und die Geschicke des Unternehmens werden weiterhin stark von Hendrik und mir abhängen. Aber natürlich freuen wir uns dabei auf die enge Zusammenarbeit mit Shell.

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