v.l.n.r.: Marit Praetz, Dr. Dimitri Berh, Dr. Matthias Kiel und Julian Bigge
© Thomas Mohn

„Nach der Eröffnung des REACH wurden die Betreuung und das Coaching nochmal auf ein neues Level gehoben.“

Wie wirken sich bestimmte Wirkstoffe auf Insekten, die Umwelt oder den menschlichen Organismus aus? Die Antwort darauf lässt sich zum Beispiel am Verhalten von Insektenlarven ablesen. Mit ihrem neuen Verfahren tragen der Biologe Dr. Matthias Kiel und der Informatiker Dr. Dimitri Berh dazu bei, dass die Analyse dieser Bewegungsmuster wesentlich präziser und schneller als bisher erfolgen kann. Seit Februar 2020 sind die beiden Wissenschaftler nun mit ihrem Unternehmen  qubeto am Markt. Für den erfolgreichen Start haben nicht zuletzt das REACH EUREGIO Start-up Center und dessen Vorläufer an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gesorgt.

Herr Dr. Kiel, qubeto bietet ein Verfahren an, das das Bewegungsmuster von Insektenlarven analysiert. Worum geht es genau?
Dr. Kiel:
Das von uns entwickelte Verfahren besteht aus einer Hard- und Softwarelösung. Bei der Hardware handelt es sich um eine Art Touchpad, unser sogenannter FIMTable, auf dem sich die Insektenlarven frei bewegen können und dabei Bildsignale erzeugen. Dieses patentierte Bildgebungsverfahren wurde von uns entwickelt und zeichnet sich durch besonders kontrastreiche und detaillierte Bilder aus. Die neuartige Darstellung ist also praktisch frei von jeglichen Störfaktoren. Diese Bilder bilden die Datengrundlage für unsere Analysesoftware FIMTrack, mit der wir die verschiedenen Bewegungsparameter, wie beispielsweise Geschwindigkeit, Beugungswinkel, Bewegungsrichtung und vieles mehr untersuchen und auswerten können.

Wo kann Ihr Verfahren eingesetzt werden?
Dr. Kiel:
Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig, da wir mit dieser Technik die Veränderung des Verhaltens vieler verschiedener Organismen, wie zum Beispiel Fruchtfliegen, Zuckmücken oder Fadenwürmer durch verschiedene Einflussfaktoren messen können. Das können Mutationen im Genom sein, aber vor allem auch Chemikalien, Mikroplastik oder andere Einflussfaktoren.

In der pharmazeutischen Industrie zum Beispiel kann unser Verfahren bereits in einer frühen Phase der Wirkstoffentwicklung zeigen, welche Effekte die jeweiligen Substanzen haben. Bei der Medikamentenentwicklung für neurodegenerative Krankheiten – also beispielsweise Parkinson oder Alzheimer – können wir daher frühzeitig feststellen, welche Wirkstoffe besonders erfolgversprechend sind. Aktuell konzentrieren wir uns auf die Analyse von Pflanzenschutz- und Düngemitteln. In dem Bereich laufen bereits die ersten Pilotprojekte. Ein weiterer großer Anwendungsbereich ist die Umweltanalytik. Also der Einfluss von zum Beispiel Mikroplastik, Nanopartikeln und bestimmten Chemikalien auf das sublethale Verhalten der Kleinstlebewesen. Mit unserem Verfahren sind wir übrigens auch im Einklang mit dem 3R-Prinzip. Dessen Ziel ist es, Tierversuche vollständig zu vermeiden (Replacement) oder die Zahl der Tiere zur reduzieren (Reduction) und ihr Leiden auf das unerlässliche Maß zu beschränken (Refinement). Unser Verfahren trägt dazu bei, Tierversuche an Mäusen und Ratten zu ersetzen und zu reduzieren, denn das Tierschutzgesetz unterscheidet zwischen Tierversuchen an Wirbeltieren, wie Mäusen, Ratten etc. und Experimenten an Wirbellosen, wie zum Beispiel Würmern und Insekten.

Sie kommen aus der Grundlagenforschung. Vor welchem Hintergrund wurde dieses Verfahren entwickelt?
Dr. Kiel:
Richtig, wir kommen aus der Neurobiologie, wo die Verhaltensanalyse von Insekten ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist. Dieser Arbeitsbereich ist seit jeher von sehr viel manueller und repetitiver Arbeit geprägt. Im Jahr 2012 kam es daher zu einer interdisziplinären Forschungskooperation zwischen dem Institut für Neuro- und Verhaltensbiologie und dem Institut für Informatik an der Universität Münster. Die Neurobiologen haben damals an adulten Fliegen geforscht. Dabei musste einer der Biologen mühsam zählen, wie viele Fliegen innerhalb von einer Minute von einem bestimmten Punkt wegflogen. Die Informatiker hatten daher die Idee, eine computergestützte Bildanalyse einzusetzen, bei der letztlich eine Kamera die Bewegung der Fliegen automatisch detektiert. Dabei hat sich aber schnell herausgestellt, dass es wesentlich einfacher ist, das Verhalten von Larven zu analysieren. Nur war in dem Fall die Bildgebung sehr schlecht, weil die durchscheinenden Larven sich visuell nicht von dem Hintergrund abhoben. Das war dann letztlich für uns der Anstoß, an der Entwicklung einer spezifischen Bildgebung für Insektenlarven zu arbeiten. Durch gemeinsame Forschungsprojekte zwischen dem Institut für Neuro- und Verhaltensbiologie und dem Institut für Informatik konnte diese Entwicklung umgesetzt werden.

Dabei haben Sie festgestellt, dass Sie da an einer ganz guten Geschäftsidee arbeiten?
Dr. Kiel:
Das war im Grunde ein laufender Prozess durch die Arbeit im Projekt und die Publikationen, die daraus entstanden. Es kamen immer mehr Forschungsgruppen auf uns zu, die unsere Technik nutzen wollten. Wir haben also zunehmend gesehen, dass es da einen Bedarf gibt, sodass wir 2018 beschlossen haben, ein Start-up zu gründen.

Sie wurden vom REACH an der WWU Münster betreut. Wie sah die Unterstützung aus?
Dr. Kiel:
Als wir mit unseren Gründungsvorbereitungen anfingen, gab es noch die Arbeitsstelle Forschungstransfer. Das REACH wurde erst später eröffnet. Die Unterstützung war aber trotzdem schon sehr gut. Es gab eine Gründerakademie, wo einem das notwendige Know-how vermittelt wurde. Darüber hinaus haben uns die Mitarbeitenden auch bei der Antragstellung des EXIST-Gründerstipendiums geholfen. Das hätten wir alleine nicht geschafft. Nach der Eröffnung des REACH wurden die Betreuung und das Coaching nochmal auf ein neues Level gehoben. Immens hilfreich war dabei auch das sechsmonatige Zertifikatsstudium im Bereich „Entrepreneurial-Management“, das ich letzten Monat erfolgreich abgeschlossen habe und das die betriebswirtschaftlichen Basics sehr praxisnah vermittelt hat. Das Studium und die gesamte Unterstützung waren also sehr gut.

Sie haben außerdem Mittel aus dem Programm Start-up-Transfer NRW erhalten.
Dr. Kiel:
Ja, das war für uns vor allem in den letzten anderthalb Jahren immens wichtig, weil uns Corona doch vor ganz neue Herausforderungen gestellt hat. Start-up-Transfer NRW hat uns beim Lebensunterhalt und bei Sachmitteln unterstützt. Wir hatten dadurch ausreichend Zeit, unsere Hardware noch benutzerfreundlicher zu gestalten und sicherheitstechnisch zu verbessern, sodass sie im Labor sicher bedient werden kann.

Wir hatten zudem das Glück, von einem sehr guten und industrieerfahrenen Coach begleitet zu werden. Letztendlich haben uns die Gespräche mit ihm und anderen industrienahen Kunden auch deutlich gezeigt, dass Industriekunden für die langfristige Entwicklung unseres Unternehmens immens wichtig sind. Das hat dazu geführt, dass wir das Geschäftsmodell noch einmal komplett überarbeitet haben, da wir ja eigentlich Hochschulen und Forschungsprojekte als Kunden auf dem Schirm hatten. Das Feedback der potenziellen Industriekunden war u. a., dass sie die Versuche nicht selbst durchführen wollen, sodass wir jetzt umschwenken und ein Dienstleistungslabor aufbauen werden.

Sie haben im Februar 2020 gegründet. Wie hat sich Ihr Unternehmen seitdem entwickelt?
Dr. Kiel:
Es hat sich Schritt für Schritt sehr positiv entwickelt. Inzwischen besteht unser Team aus neun Leuten. Die Umsätze steigen und wir wollen auch in Zukunft, neue Projekte und Ideen aus eigener Kraft bzw. mit eigenen Mitteln umsetzen. Bisher hat die Förderung für den nötigen Anschub gesorgt, auch die Nähe zur WWU Münster war sehr hilfreich. Das wollen wir in Zukunft natürlich beibehalten.

Gibt es irgendetwas, was Sie rückblickend anders machen würden?
Dr. Kiel:
Wir sind mit vielen Ideen, vielen Projekten gestartet. Aber im Nachhinein würde ich sagen, es ist sinnvoller, sich auf ein Produkt, ein Projekt oder einen Markt zu konzentrieren, denn die Ressourcen, vor allem Zeit und Personal, sind gerade am Anfang limitiert. Man muss daher Prioritäten setzen.

Wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?
Dr. Kiel:
Unser Hauptaugenmerk liegt jetzt erst einmal auf dem Netzwerkausbau. Das heißt zum einen, neue Kunden zu akquirieren, um weiterhin gesund zu wachsen. Zum anderen suchen wir Kooperationspartner, um neue Märkte zu erschließen. Wie gesagt, unsere Produkte können für verschiedene Anwendungsfälle genutzt werden, aber dafür benötigen wir immer einen Partner, der aus dem jeweiligen Markt kommt und mit uns diesen Weg geht.

Gibt es Tipps, die Sie anderen Gründungsteams geben können?
Dr. Kiel:
Geht raus und redet mit Menschen über eure Ideen. Nutzt auch das Feedback von Fachfremden. Sprecht also ruhig mal Familienangehörige, Freundinnen und Freunde an. Zum einen lernt man dabei, seine Geschäftsidee zu kommunizieren, zum anderen erhält man auch hilfreiches Feedback.

Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass die unternehmerische Selbständigkeit sehr familienfreundlich sein kann. Ich habe selber eine kleine Familie, sodass das Thema Work-Life-Balance für mich sehr wichtig ist. Ein eigenes Unternehmen zu führen, kann eine Chance sein, flexible Arbeitszeiten zu nutzen, wenn man in kürzerer Zeit effektiv arbeitet, sodass man Familie und Unternehmen unter einen Hut bekommt. Man muss sich dafür aber klare Ziele und klare Grenzen setzen.

Stand: November 2021

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