© Dr. Alexander Hirschfeld

„Universitäten werden zunehmend als Orte ernst genommen, an denen die Unternehmerinnen und Unternehmer von morgen ausgebildet werden.“

Nordrhein-Westfalen hat sich zu einem breiten und aktiven Startup-Ökosystem entwickelt, das vor allem von der dichten Hochschullandschaft profitiert. Zu diesem Ergebnis kommt der NRW Startup Monitor 2020. Die Studie wird vom Bundesverband Deutsche Startups e.V. und dem Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes NRW herausgegeben. Welche Rolle die Hochschulen in der Startup-Landschaft NRW spielen, darüber haben wir mit Dr. Alexander Hirschfeld, einem der Studienautoren, gesprochen. 

Herr Dr. Hirschfeld, laut Startup Monitor NRW kommen in Nordrhein-Westfalen 76,9 Prozent der Start-up Gründerinnen und Gründer aus Hochschulen. Bundesweit liegt deren Anteil dagegen bei 83,9 Prozent. Müssen Hochschulen in Nordrhein-Westfalen also mehr tun für den Gründungsgeist? Oder ist es eher so, dass es für Nicht-Akademiker/-innen in NRW einfacher ist, ein Start-up zu gründen?
Dr. Hirschfeld: Ich würde sagen, beides. Erstmal zeigt der im Vergleich zu anderen Bundesländern geringere Anteil akademischer Gründerinnen und Gründer und der zugleich höhere Anteil von Nicht-Akademikern, dass innovative Gründungen in NRW nicht nur auf Hochschulen beschränkt sind. Das bedeutet, auch Angehörige der klassischen Ausbildungsberufe im Handwerk oder in der Industrie entwickeln Innovationen, die sie über die Gründung von Start-ups auf den Markt bringen. Das ist ein wichtiger Punkt.

Es ist aber nichtsdestotrotz so, dass Hochschulen– nicht nur in NRW, sondern in ganz Deutschland – auf jeden Fall noch einiges tun müssen, um mehr Gründerinnen und Gründer hervorzubringen. Das Potential für innovative Start-up-Gründungen ist im akademischen Bereich einfach sehr groß.

Nun fördert das Land NRW zum Beispiel die Einrichtung von Exzellenz-Start-up-Centern an sechs Hochschulen. Darüber hinaus gibt es viele weitere Hochschulen in NRW, die beim Thema Gründung ganz umtriebig sind. An was fehlt es darüber hinaus Ihrer Ansicht nach?
Dr. Hirschfeld: Zunächst einmal würde ich sagen, dass das Gründungs- und Innovationspotenzial an Hochschulen in NRW sehr groß ist. NRW ist Bildungsland und ein Viertel der Studierenden in Deutschland sind an den dortigen Hochschulen eingeschrieben. Und das Land selbst profitiert von diesen gut ausgebildeten Talenten: Von den Gründerinnen und Gründer in NRW, die über einen Hochschulabschluss verfügen, haben 70 Prozent auch dort ihren Abschluss gemacht. Was wir darüber hinaus in den Daten des NRW Startup Monitors sehen, ist, dass die Nähe zu Hochschulen sehr positiv bewertet wird.

Aber zurück zu Ihrer Frage: Was muss darüber hinausgetan werden? Unser Eindruck ist, dass es ein großes Gründungspotenzial in technologischen Feldern, der IT und dem Ingenieurswesen gibt. Und da ist es ganz wichtig, vereinfacht gesagt, das Tüfteln an spezifischen, auch forschungsnahen Themen, noch stärker mit der praktischen Anwendung in Beziehung zu bringen. Also vom Markt her zu denken, groß zu denken – das ist für Start-ups und überhaupt für Gründungen ganz wichtig.

Und da könnten die Hochschulen noch mehr tun?
Dr. Hirschfeld: Ja, da gibt es sicherlich schon Best Practice Beispiele. An der RWTH Aachen besteht beispielsweise bereits ein relativ starker Transfer von Seiten der Hochschule bzw. Forschung in die Praxis. Das ist auch genau die Richtung, in die die Initiative der Exzellenz-Start-up-Center NRW geht: Aus der Forschungsexzellenz Unternehmensgründungen zu generieren und darüber Innovationen auf den Markt zu bringen.

Dazu muss es Forscherinnen und Forschern aber möglich sein, in anwendungsnahen Feldern unternehmerisch tätig zu werden bzw. in die Richtung zu denken. Ein Beispiel ist das Horst-Görtz-Institut an der Ruhr-Universität Bochum. Dort ist das Thema Cybersicherheit stark verankert. Insofern hat sich dort ein Cluster im Bereich Cyber Security entwickelt, an dem sowohl etablierte Unternehmen als auch die in den letzten Jahren dort entstandenen Start-ups beteiligt sind. Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass für praxisorientierte Entwicklungen aus der Universität durchaus auch ein Markt existiert.

Wenn Sie von mehr Praxisnähe sprechen, meinen Sie auch, dass Hochschulen noch mehr als bisher mit Unternehmerinnen und Unternehmer kooperieren sollten?
Dr. Hirschfeld: Was NRW auszeichnet, ist eine starke etablierte Wirtschaft. Von daher kann es nur von Vorteil sein, wenn sowohl mittelständische Unternehmen als auch Konzerne enger mit Forschungs- und Start-up-Teams an Hochschulen kooperieren. Es braucht also Formate, die strategische Kooperationen forcieren und die für das Kerngeschäft von Unternehmen relevant sind. Diese Unternehmen können viel von Startups lernen und sie gleichzeitig mit Expertise sowie mit Lieferanten- und Kundenkontakten unterstützen. Auch beim Thema Finanzierung können sich so interessante Optionen für beide Seiten ergeben. Große Unternehmen betreiben nicht selten bereits eigene Investmentfonds, um in Startups zu investieren. Das unterstützt häufig das Kerngeschäft und ist gleichzeitig ein eignes Geschäftsmodell. Ich denke, dass sich auch die Wirtschaft hier noch stärker engagieren und Hochschulen auch ein wichtiges Bindeglied darstellen können.

Sie empfehlen, dass Unternehmen bereits mit Studierenden oder auch mit Forschungsteams in Kontakt kommen, auch wenn diese vielleicht noch gar nicht an eine spätere Unternehmensgründung denken.
Dr. Hirschfeld: Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen das Thema Gründung einfach auf dem Radar haben. Der Austausch mit Unternehmerinnen und Unternehmern spielt dabei eine entscheidende Rolle. Abgesehen davon geht es ja nicht nur darum, möglichst viele Studierende und Forschende zu motivieren, den Weg in die unternehmerische Selbständigkeit einzuschlagen. Das gegründete Start-up soll ja auch langfristig erfolgreich sein. Und dafür braucht man strategische Partnerschaften, um zum Beispiel potenzielle Kunden kennenzulernen. Von daher ist es wichtig, dass die Gründungsinitiativen an Hochschulen auch die Erfolgsfaktoren für das Wachstum ihrer Start-ups im Blick haben und geeignete Kontakte zu Unternehmen aufbauen.

Die Hochschulen, die über die Exzellenz-Start-up-Initiative oder auch über EXIST-Potentiale gefördert werden, sind doch da auf einem guten Weg. Dort achtet man sehr auf die Einbeziehung der regionalen Wirtschaft.
Dr. Hirschfeld: Ja, diese Initiativen tragen auf jeden Fall dazu bei, für alle Beteiligten die Kooperationshürden zu senken. Für viele Mittelständler ist die Kooperation mit einem Start-up sehr arbeitsaufwändig und kostenintensiv. Aber wenn man die Möglichkeit hat, sich erst einmal auszutauschen und in einem kleinen Projekt mit überschaubaren Ressourcen sowohl finanziell als auch personell Dinge auszuprobieren, dann entstehen da Kooperationen im Kleinen. Und daraus kann dann etwas Größeres werden. Ich glaube, das ist es, was Hochschulen sehr gut leisten können: Experimentierfelder an der Schnittstelle von Forschung und Unternehmertum zu schaffen.

Wir haben jetzt pauschal über Gründungen an Hochschulen gesprochen. Muss man nicht eher noch nach Fachbereichen bzw. Branchen differenzieren?
Dr. Hirschfeld: Wir haben, was die Branchen angehen, in NRW eine ähnliche Verteilung wie in Deutschland insgesamt. Dabei sind die Informations- und Kommunikationstechnologien sehr stark vertreten, die ja den Kernbereich der Digitalwirtschaft darstellen, dem sich entsprechend viele Unternehmen zuordnen. Was ich ganz spannend finde, ist, dass 26 Prozent der Gründerinnen und Gründer in NRW einen ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund haben. Das ist deutlich mehr als der Bundesschnitt. Da sind es circa 21 Prozent. Diese Zahl deutet die Chancen an der Schnittstelle zwischen etablierter Industrie in NRW und den Hochschulen an.

Natürlich hat jede Region – und das gilt auch für NRW – ihre Stärken, die sie ausspielen sollte. In Bochum gibt es, wie gesagt, ein Cyber-Security-Cluster. Im Ruhrgebiet spielt unter anderem das Thema Energie eine enorm wichtige Rolle. Diese regionalen Branchencluster profitieren von der spezifischen Ausrichtung der Hochschulen und Institute entlang der jeweiligen Forschungsfelder. Gleichzeitig ist es immer wichtig, dass diese Branchencluster mit einer allgemeinen Gründungs-Entrepreneurship-Förderung gekoppelt sind. Hier sind für NRW gerade Standorte wie Köln und Düsseldorf wichtig, deren Universitäten eine überregionale Anziehungskraft habe. Was diese Städte zudem auszeichnet, ist, dass hier in den letzten Jahren erfolgreiche Startups wie Trivago oder aktuell RightNow entstanden sind, was die dortige Gründungsszene befeuert.

Nicht nur beim Start-up Monitor NRW fällt auf, dass es eigentlich immer wieder dieselben Hochschulen sind, die sich beim Thema Gründung besonders hervortun. Ist der Abstand zwischen den „Musterschülern“ und allen anderen Hochschulen tatsächlich so groß?
Dr. Hirschfeld: Die Themen Entrepreneurship und Start-ups haben in den letzten Jahren eigentlich alle Hochschulen erfasst. Universitäten werden insofern zunehmend als Orte ernst genommen, an denen die Unternehmerinnen und Unternehmer von morgen ausgebildet werden. Sicher gibt es einige Unis, die schon weiter als andere sind, aber unter dem Strich würde ich sagen, dass das Thema Entrepreneurship mittlerweile in der Breite angekommen ist. Die Hochschulen, die durch Initiativen wie Exzellenz Start-up Center NRW ausgewählt wurden, nehmen dabei eine wichtige Funktion als Leuchttürme ein.

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Stand: April 2021

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