Netzwerk für chemierelevante Gründungen: „chemstars.nrw“

Start-ups haben in der Chemiebranche immer noch Seltenheitswert. Das ist umso erstaunlicher, da die chemische Industrie zu Deutschlands Schlüsselbranchen und traditionell zu den wichtigsten Playern auf dem Weltmarkt gehört. Doch beim unternehmerischen Nachwuchs tut sich die Branche schwer, auch im EU-Vergleich, stellt das ZEW Mannheim fest. Das soll sich nun ändern. Das Modellprojekt chemstars.nrw möchte mit Unterstützung der Initiative Exzellenz Start-up Center.NRW mehr Chemikerinnen und Chemiker aus der Forschung dazu motivieren, eine Karriere als Unternehmerin oder Unternehmer in Angriff zu nehmen und ihnen dabei helfen, erfolgreiche Unternehmen aufzubauen. Das Vorhaben wird aus Mitteln der Ruhrkonferenz finanziert.

An einem ist nicht zu rütteln: Der Start-up Boom an den Hochschulen ist an den Chemikerinnen und Chemikern bislang eher vorbeigegangen. Dass die Gründungszahlen chemierelevanter Start-ups in Deutschland vergleichsweise gering sind, führt der Verband der Chemischen Industrie NRW vor allem darauf zurück, dass sich gründungsinteressierte Chemikerinnen und Chemiker weder ein aussagefähiges Bild über das Marktpotenzial ihres Produkts oder ihrer Dienstleistung machen können, noch die Gründungsherausforderungen für Start-ups in der Chemiebranche kennen. Es fehlt schlichtweg am notwendigen sowie motivierenden Austausch zwischen Gründungsinteressierten und Branchenkennern.

Foto: ©Urupong - stock.adobe.com

Namhafte Unternehmen der chemischen Industrie in Nordrhein-Westfalen (NRW) haben daher mit Unterstützung der Landesregierung NRW im Rahmen der Initiative Exzellenz Start-up Center.NRW „chemstars.nrw“ ins Leben gerufen. Zu den Initiatoren gehören Covestro Deutschland AG, Currenta GmbH & Co.KG, Evonik Industries AG, Henkel KGaA und der Landesverband NRW des Verbandes der Chemischen Industrie e.V. (VCI).

Netzwerk für chemierelevante Gründungen im Aufbau

Wichtigste Voraussetzung für den Erfolg des dreijährigen Modellprojekts ist der Aufbau eines Ökosystems, das chemierelevante Gründungsteams mit Know-how sowie bei der Suche nach Räumlichkeiten, Laboren und technischem Equipment unterstützt. Mitglieder dieses Netzwerk sind sowohl die Gründungsberatungen der Hochschulen, insbesondere die Exzellenz Start-up Center.NRW, als auch Gründungsinitiativen, Inkubatoren und weitere Gründungsakteure in NRW. Dazu kommen Unternehmen und Investoren. Eine wichtige Rolle spielen darüber hinaus Expertinnen und Experten aus der chemischen Industrie. Sie sorgen für das notwendige branchenspezifische unternehmerische Wissen, mit denen den Gründerinnen und Gründern der Sprung in den Markt gelingen soll. Letztlich soll ein Angebot entstehen, das über die nordrheinwestfälischen Grenzen hinaus für Anziehungskraft sorgt.

Die ersten Schritte sind bereits gemacht. Dafür haben Martin Bellof und Stefan Weber gesorgt. Bei ihnen laufen die Fäden für chemstars.nrw zusammen. Stefan Weber hat als Portfoliomanager und Startup Coach in den vergangenen Jahren die Accelerator- bzw. Inkubator Programme der E.ON SE in Düsseldorf und der Deutschen Post DHL Group in Bonn betreut. Außerdem hat er im Rahmen seiner Tätigkeit beim Initiativkreis Ruhrmaßgeblich zu einer positiven Entwicklung des Gründungsökosystems Ruhrgebiet beigetragen. Er weiß, worauf es bei der Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Corporates sowie beim Aufbau eines gründungsfreundlichen Ökosystems ankommt. Auch der Natur- und Wirtschaftswissenschaftler Martin Bellof kennt die Gründungsszene in NRW gut. In den vergangenen neun Jahren hat er in unterschiedlichen Rollen mit Start-ups im Bereich der industriellen und grünen Biotechnologie, Medizintechnik und Chemie gearbeitet – als Mitarbeiter, Coach, Mentor, Gründer und Geschäftsführer.

Stefan Weber und Martin Bellof
© chemstars.nrw

Die beiden Projektleiter von chemstars.nrw waren im Frühjahr 2021 vor allem damit beschäftigt, das Projekt bei allen relevanten Gründungsakteuren und Stakeholdern in NRW vorzustellen und sind dabei auf durchweg positive Resonanz gestoßen. Das lag nicht zuletzt daran, dass viele der Hochschulen das neue Angebot als wichtige Ergänzung wahrnehmen. Stefan Weber: „Als landesweite Initiative ergänzt chemstars.nrwdie bestehenden Angebote, weil wir als zentrale Anlaufstelle zeitgleich mit mehreren chemierelevanten Gründungsteams aus allen Hochschulen zusammenarbeiten können. Dies ermöglicht es uns, ein ansprechendes und spezifisches Angebot für alle gründungsinteressierten Chemikerinnen und Chemiker zu entwickeln. Bereits etablierte Aktivitäten wollen wir nicht doppeln, sondern Gründungsteams gezielt bei der Beantwortung industriespezifischer Fragestellungen unterstützen.“

Übersicht des NRW-weiten Angebots von chemstars.nrw. Abbildung: © chemstars.NRW

Apropos „chemierelevante Gründungsteams“: chemstars.nrw hat bei weitem nicht nur Chemikerinnen und Chemiker im Visier. Zur Zielgruppe gehören auch Gründungsinteressierte und Start-ups, deren Geschäftsideen Berührungspunkte mit der chemischen Industrie haben. So zum Beispiel aus den Bereichen industrielle Biotechnologie, Materialwissenschaften sowie Digitalisierung.

Vermittlung von Expertinnen und Experten aus der chemischen Industrie

Besonders viel Wert legt man bei chemstars.nrw auf die Unterstützung von Gründungteams und Start-ups. Angeboten wird ein sechsmonatiges Programm, das auf die individuellen Bedürfnisse der teilnehmenden Start-ups eingeht. Gemeinsam mit dem chemstars-Team identifizieren Gründerinnen und Gründer regelmäßig in sogenannten Progress-Meetings die dringendsten Fragestellungen und Bedarfe, die für eine erfolgreiche Unternehmensentwicklung besondere Bedeutung haben und an denen als nächstes gearbeitet werden soll.

Darüber hinaus vermittelt das Team von chemstars Kontakte zu Partnern des Ökosystems und fördert den engen Austausch zwischen Gründungsteams und Praktikern aus der Wirtschaft. Expertinnen und Experten aus der Chemiebranche stehen bereit, um ihre Erfahrungen an die Newcomer weiterzugeben – über alle Gründungsphasen hinweg und zu allen relevanten Themen. Martin Bellof: „Es gibt eine Vielzahl an Themen, die in der akademischen Ausbildung eine eher untergeordnete Rolle spielen, gleichzeitig jedoch essentiell sind, um vor Investorinnen und Investoren zu bestehen. So zum Beispiel Scale-up, Regulation oder Pricing. Durch den Wissenstransfer von industriespezifischem Know-how, helfen wir den Gründungsteams, sich deutlich schneller und zielgerichteter zu entwickeln.“

Angebote zur Sensibilisierung und Mobilisierung von Wissenschaftler/-innen aus der Chemie

Zusätzlich zu dem Unterstützungsprogramm für Start-ups bietet chemstars.nrw in enger Zusammenarbeit mit den Exzellenz Start-up Centern (ESC) sowie den ESC-Einzelvorhaben Veranstaltungen und Formate an, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Thema Entrepreneurship in Berührung bringen und sie für die Idee einer Ausgründung begeistern sollen.

Venture Talks ist eine Event-Reihe, in der gestandene Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Chemie, Biotechnologie und den Materialwissenschaften über ihren Weg berichten. Die Venture Talks werden in enger Abstimmung mit den ESCs und ESC-Einzelvorhaben sowie den relevanten Fachbereichen geplant und als Vor-Ort Veranstaltungen durchgeführt. Die Talks werden außerdem aufgezeichnet und auf der Webseite von chemstars.nrw veröffentlicht.

Die „From Lab to Market Challenge“ (FLTMC) ist ein niedrigschwelliger, NRW-weiter Wettbewerb für Produkt- und Geschäftsideen mit Bezug zur chemischen Industrie. Wissenschaflterinnen und Wissenschaftler werden in dem zweistufigen Wettbewerb schrittweise an die Kommerzialisierung ihrer eigenen Forschung herangeführt und bei der Entwicklung des Umsetzungesplans unterstützt. Die besten Einreichungen werden in Form von Pitches beim Award-Eventvor Vertreterinnen und Vertretern aus Akademie, Industrie, Kapitalmarkt und Politik vorgestellt und prämiert.

Kontaktaufnahme zu chemstars.nrw

Informationen zu den Veranstaltungsformaten sowie den Zugang zum Unterstützungsprogramm finden Gründungsinteressierte über die Website von chemstars.nrw. „Über unsere Website können sich Gründungsteams und Start-ups ganzjährig mit einem Pitch Deck bewerben. Wenn wir die Bewerberinnen und Bewerber und ihr Start-up persönlich kennengelernt haben, treffen wir eine Entscheidung, wie es weitergeht”, erklärt Martin Bellof. „Im nächsten Schritt definieren wir die individuellen Zielsetzungen, auf die die Start-ups hinarbeiten möchten. Dabei überlegen wir auch, wie unsere Unterstützung und die des chemstars.nrw Expertennetzwerks aussehen wird. Während wir allgemeine Fragestellungen der Start-ups in der Regel selbst beantworten, vermitteln wir bei industrie-spezifischen Fragestellungen Kontakte zu geeigneten Expertinnen und Experten.“

Kontakt

chemstars.nrw

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